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Film

Tarantinos „Django Unchained“

Filmszene (Ausschnitt) Filmszene (Ausschnitt)

Tarantino inszeniert eine Western-Adaption, die ein moralischer Faustschlag ins weiße Gesicht Amerikas ist und geschickt auf ein kathartischen Finale hinarbeitet.

Rezension

django-unchained-tarantinto-1Das Jahr 1858 gehört zu einer hässlichen Zeit in den Südstaaten Amerikas. Das erfährt Django (Jamie Foxx) am eigenen Leib. Sein von Peitschenhieben vernarbter Rücken zeugt davon. Weiße Hinterwäldler haben ihn und seine Frau Broomhilda (Kerry Washington) versklavt, sie voneinander getrennt und schließlich verramscht. Erst der deutsche Kopfgeldjäger Dr. King Schultz (Christoph Waltz) kauft den schwarzen Mann frei. Er braucht ihn, um die Brittle Brüder zu identifizieren, auf die eine Prämie ausgesetzt wurde: Tot oder lebendig! Im Gegenzug wird der als Zahnarzt getarnte Kopfgeldjäger Django helfen, seine Frau wiederzufinden. Django willigt in den Deal ein. Er hat selbst noch eine Rechnung mit den Gebrüdern Brittle offen.

Dr. Schultz und Django reiten also gen Süden, mitten ins Herz der Sklaverei, wo sie hoffen, Dokumente über Broomhildas Verbleib zu finden. Wie es bald scheint, müssen die Zwei über kurz oder lang auf die berüchtigte Baumwollplantage Candie Land des Herrn Calvin Candie (Leonardo DiCaprio), bekannt für seine miese Vorliebe: den Mandingos, schwarze Sklaven, die zur Unterhaltung ihrer Besitzer auf Leben und Tod kämpfen. Um seine Liebe zu retten, muss Django, gerade ein freier Mann geworden, zurück in die Welt der Sklaventreiber.

Im Stile eines Italo-Westerns

Tarantinos Wester-Adaption überzeugt von der ersten Minute. Schon die Titelmusik von Luis Bacalov und Rocky Roberts, die bereits für den Italo-Western Django (1966) mit Franco Nero spielte, sorgt für die richtige Atmosphäre, ebenso wie der restliche Soundtrack, der größtenteils aus Western-Filmmusik zusammengesetzt ist. Die enorm schnellen Zooms von weiten Aufnahmen hinein in Detailansichten – auf Gesichter oder Pistolen – knüpfen an die Bildgestaltung von Italo-Western und Martial-Arts-Filmen an. Nicht diese spannenden Zitate – derer es viele gibt, inhaltliche wie formale (vgl. Vulture, 27.12.12, und Heyuguys, 18.01.13) – machen den Film so packend, es sind die Inszenierung und die Dialoge, die aus den 165 Minuten ein kathartisches Erlebnis mit viel bösem Humor machen.

Django Unchained ist ohne Frage ein Autorenfilm (und so wird er auch vermarktet). In Regie und Drehbuch ist Quentin Tarantinos Handschrift unverkennbar. Er gibt seinen Schauspielern ausgefallene, aber glaubhafte Rollen an die Hand, in denen er sie zeigen lässt, was sie wirklich können. Ein Film wie dieser, in dem – wie oft bei Tarantino – die Dialoge so wichtig sind, lebt von der Darstellung der Rollen und das gelingt in beeindruckender Weise.

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Späte Rache an der Sklaverei

django-unchained-tarantinto-3Django Unchained ist zudem eine Abenteuergeschichte, die mit der Sklaverei abrechnet, und zwar knallhart und ohne ein Blatt vor den Mund zunehmen. Die Verachtung und der Sadismus der Weißen werden nicht nur auf der Candie-Land-Plantage deutlich, sondern überall in den Südstaaten, in unzähligen Szenen gezeigt. Einen schwarzen Mann auf einem Pferd reiten zu sehen oder zu erleben, wie jemand ein Bier für ihn in einem Saloon bestellt, bringt die Weißen bereits in ungläubiges Staunen und ruft ihre Gesetzeshüter auf den Plan. Offen hasserfüllter Rassismus und pseudowissenschaftlicher Sozialdarwinismus geben sich die Hand.

Für den Zuschauer im Allgemeinen wird der Film zur Reise in eine hässliche Zeit, für das weiße US-Publikum im Besonderen zu einer schallenden Ohrfeige. Denn auf den typischen Hauptcharakter, den weißen Amerikaner, wie man ihn aus Mainstream-Filmen kennt, kann es lange warten. Ein Schwarzer und ein Deutscher sind es, die mit den durch und durch ungebildeten oder gar dümmlichen Südstaatlern aufräumen. Selbst die wohlhabenden unter den weißen Amerikanern haben nur scheinbar Bildung und schmücken sich mit französischer Anrede, sprechen aber kein Wort Französisch. Mit seiner Sprachfertigkeit und weltmännischen Art führt Dr. King Schultz die Plantagenbesitzer und ihre Handlanger regelmäßig vor, während der stolze, schlagfertige Django sie in ihre Schranken weist, sei es mit Taten, Worten oder mit dem Revolver.

All das geschieht unter dem Deckmantel einer Partnerschaft mit Calvin Candie, über die Django und Schultz an Broomhilda herankommen wollen. Damit der Trick funktionieren kann, müssen die zwei Outlaws ihr Einverständnis mit der Sklaverei vorgaukeln, ein für Django denkbar schwieriges Schauspiel. Hier ist Tarantino ein Kunstgriff gelungen, der verhindert, dass die Handlung von vornherein in Schießereien untergeht. Stattdessen setzt der Film auf gut durchkomponierte Dialoge zwischen Figuren, die gegensätzlicher nicht sein könnten, inmitten einer feindlichen Umgebung.

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Wenn es schließlich zum finalen Shootout kommt und die Gewalt einer solchen Auseinandersetzung nicht bloß als harmloses Action-Fest mit Peng und Bumm dargestellt wird, sondern als das Blutbad, das sie ist, löst sich der Knoten. All der Hass und Ärger über die Antagonisten, den zu entwickeln man viel Zeit und Anlass hat, schlägt sich frei und findet ernstlich Befriedung in einem Inferno aus Blut und Schießpulver. Dass ein Film allein durch seine dramaturgische Gestaltung eine solche Kraft entwickeln kann, ist bemerkenswert. Die Sklaverei wird in vielen ihrer grässlichen Facetten vorgeführt und schlussendlich vernichtet, so wie es schon in Inglourius Basterds mit den Nationalsozialisten geschehen ist. In der Fiktion ist die späte Rache an den Gräueltaten der Geschichte noch möglich.

Trailer zu Django Unchained

Letzte Änderung amFreitag, 21 Juni 2019 22:25
Edvard Solstad

Edvard schreibt über Horror und Phantastik, deren literarische Formen ihn am meisten interessieren.

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„Phantasie bzw. Fantasie (griech.: [...] phantasía – ‚Erscheinung’, ‚Vorstellung’, ‚Traumgesicht’, ‚Gespenst’) bezeichnet eine kreative Fähigkeit des Menschen. Oft ist der Begriff mit dem Bereich des Bildhaften verknüpft (Erinnerungsbilder, Vorstellungsbilder), kann aber auch auf sprachliche und logische Leistungen (Ideen) bezogen werden. Im engeren Sinn als Vorstellungskraft bzw. Imagination ist mit Phantasie vor allem die Fähigkeit gemeint, innere Bilder und damit eine ‚Innenwelt’ zu erzeugen.“

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