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Film

„Only Lovers Left Alive“ von Jim Jarmush

Filmszene (Ausschnitt) Filmszene (Ausschnitt)

Jarmush erzählt von einem kultivierten Vampir-Pärchen, das eine zeitlose Sicht auf den Menschen und seine Kultur einnimmt. Sinnlich, anspielungsreich, durchdacht!

Rezension

olla-2Nach vier Jahren Pause kehrt Jim Jarmush ins Filmgeschäft zurück. Mit Only Lovers Left Alive bringt er die ungewöhnliche Beziehung zweier Vampire auf die Leinwand. Adam und Eve (Tom Hiddleston, Tilda Swinton) sind seit Jahrhunderten ein Paar, das mal zusammen, mal entfernt voneinander lebt. Derzeit haust Adam in einer Villa in den verlassenen Außenbezirken von Detroit und bastelt an seiner Underground-Musik, während Eve durch die Altstadt der marokkanischen Stadt Tanger streift und gemeinsam mit dem uralten Vampir Marlowe (John Hurt) die Romantik dieses Ortes genießt. Erst als ihr bei einem Telefongespräch mit Adam bewusst wird, dass ihr Gefährte offenbar mit dem Gedanken spielt, sein ewiges Leben zu beenden, reist sie zu ihm in die Staaten. Gemeinsam verbringen sie ruhige, belesene Nächte, bis Eves wilde Schwester Ava (Mia Wasikowska) unerwartet aufkreuzt und Chaos in das intellektuelle, ein wenig versnobte Nachtleben des Vampirpärchens bringt.

olla-3Only Lovers Left Alive erzählt in aller Ruhe von zwei kultivierten Vampiren, die einen entschleunigten Lebensstil pflegen. Sie genießen ihr nächtliches Dasein, ohne dabei zu verflachen oder ihrem Blutdurst zu erliegen, reichern vielmehr die Ewigkeit, über die sie verfügen, mit Kunst, Literatur, Musik und Tanz an. Obwohl Eve und Adam so verschieden sind, tolerieren sie die Persönlichkeit des jeweils anderen, wollen sie nicht ändern oder den Partner einschränken, weil man ihn sonst verlieren könnte. Eher fördern und bestärken sie einander. Dem Film gelingt es, eine interessante Beziehung zu schildern und dies glaubhaft mit dem Vampir-Mythos zu verweben. In einem Q&A sagte Jarmush, dass es ihm gerade um die Schilderung der Beziehung gehe und das Vampir-Setting nur einen zeitlosen Blick auf die Menschheit ermöglichen soll. Trotzdem wird das Vampirische nicht vernachlässigt. Es flackert immer wieder auf, etwa wenn sich ein Mann im Flugzeug in den Finger schneidet und das Rot hervorquillt. Auch Eve und Adam müssen trinken, ein Vorgang, der sehr rauschhaft inszeniert wird. Trotz aller Kultiviertheit verschwindet also nicht das Ursprünglichste im Vampir: das Triebhafte, das nach Blut giert. Es ließen sich viele Details nennen, zahlreiche historische, literarische und mythologische Anspielungen aufzeigen, die dazu beitragen, dass Adam und Eve so plastisch werden, ihr Alter von mehreren Jahrhunderten so deutlich zu Tage tritt, ihre Existenz insgesamt stimmig wird und auch für denjenigen angenehm anzusehen ist, der sich ein wenig mehr für den Vampir-Mythos interessiert.

olla-1Der Fokus der Handlung aber liegt auf dem Zusammenleben der Vampire, erzählt in ästhetischen Bildern und ruhiger Schnittrhythmik. Adam und Eve sind die Beobachter der Menschheit und ihrer über die Jahrhunderte verfallene Kultur, gewissermaßen die Außenperspektive. Umweltverschmutzung und Belastung durch Schadstoffe haben so sehr um sich gegriffen, dass selbst die unsterblichen Nachtwesen nicht mehr von jedem trinken können, wollen sie eine Vergiftung oder sogar den endgültigen Tod vermeiden. Die Gesellschaftskritik, die diesen Film an allen Ecken und Enden durchwirkt, zeigt sich schon im Namen, den Adam den Menschen gibt: Er nennt sie Zombies.

Only Lovers Left Alive ist ein gut durchdachtes, sinnliches Filmerlebnis mit großartigen Schauspielern und einer Erzählweise, die so gelassen und kunstvoll daherkommt wie die Protagonisten selbst. Angesichts der Verflachung, die der Vampir-Mythos in den letzten Jahren erlebt hat, ist der Film eine gelungene Abwechslung. Jarmush respektiert den mythologischen Stoff, beschränkt sich aber nicht darauf, sondern erzählt etwas Eigenes und Neues damit: Er setzt ein erstaunliches Paar in Szene, das eine inspirierende, fast beneidenswerte Perspektive auf die Moderne einnehmen kann.

 

Trailer zu Only Lovers Left Alive

Letzte Änderung amFreitag, 21 Juni 2019 20:06
Edvard Solstad

Edvard schreibt über Horror und Phantastik, deren literarische Formen ihn am meisten interessieren.

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„Better to write for yourself and have no public, than to write for a public and have no self.“

Cyril Connolly