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Gaming

Die interaktive Fantasy-Erzählung „Paladins“

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Paladins ist solide Fantasy in einem düsteren Setting, das auf Spannung setzt. Die als App veröffentlichte Erzählung besticht vor allem durch ihre Interaktivität.

Rezension

In Paladins: Text Adventure RPG schlüpft der Leser und Spieler kapitelweise in verschiedene Rollen, vornehmlich aber in die Figuren Jerico und Darius, die beide Paladine sind. Wie in der Fantasy weitverbreitet sind diese Krieger religiös motivierte Streiter eines Gottes, der ihnen für ihren Glauben bestimmte Kräfte verleiht. Angesichts der Bedrohung durch die Wolfsmenschen, die über den Grenzfluss übersetzen und auf Menschenjagd gehen wollen, verbünden sich Jerico und Darius, obwohl sie rivalisierenden Göttern folgen. Im Jargon der Fantasy gesprochen: Jerico ist ein weißer Paladin des barmherzigen Gottes Ashur, hingegen Darius ein schwarzer Paladin des chaotischen Gottes Karak, dessen Mächte Wesen wie die Wolfsmenschen überhaupt erst in den lang zurückliegenden Magierkriegen hervorgebracht haben. Hier kündigt sich bereits ein Glaubenskonflikt zwischen den Hauptfiguren an, der neben der äußeren Bedrohung durch die Wolfsmenschen immer wieder  für interne Konflikte auf Seiten der Protagonisten sorgt.

Paladins 1Paladins 2So weit, so typisch Fantasy. Wer diese interaktive Erzählung liest, die auf den Fantasy-Romanen von David Dalgish basiert, wird darin eine wenig überraschende Geschichte entdecken, die das Genre sehr genau erfüllt. Paladins ist sprachlich einwandfrei abgefasst, aber nicht herausragend. Leicht verständlich und in kurzen Kapiteln geordnet, will diese Fantasy vor allem Spannung erzeugen – und das gelingt ihr durch das gewählte Szenario, das physische und moralische Konfliktsituationen ermöglicht. Die sprachlichen Darstellungen von Gewalt sind stellenweise explizit und die Schilderung eines Krieges, der Opfer fordert, geradezu melodramatisch. Es wird einerseits viel Wert darauf gelegt, den Figuren einen individuellen und nachvollziehbaren Charakter zu verleihen. Andererseits will die Narration auch nicht ganz auf die Identifikation mit den Spielern verzichten. . Die Figuren haben daher immer auch einen sympathischen Zug, sofern sie Protagonisten sind, während die Antagonisten es dem Spieler leicht machen, sie nicht zu mögen. Gespielt wird mit dieser Darstellungsweise von Gut und Böse lediglich in Bezug auf Darius, der einen düsteren Touch hat, aber doch auf seine Art das Gute will – für wie lange, bleibt abzuwarten.

Das eigentlich Interessante an Paladins ist die Interaktivität, die dem Spieler erlaubt, an bestimmten Stellen eines Kapitels Entscheidungen zu treffen. Dabei gilt es einerseits am Leben zu bleiben, andererseits aber auch dem Charakter einer Figur entsprechend zu handeln. Dem Spieler wird zu Kapitelbeginn in zwei, drei Sätzen umrissen, wie eine Figur tickt. Das sollte er beim Treffen einer Entscheidung berücksichtigen, da das Spiel charakterkonforme Entscheidungen belohnt (siehe unten). Hierfür ist der Konflikt mit den Wolfsmenschen gut gewählt, da in diesem Szenario sowohl bedrohliche Situationen möglich sind, die taktisches Kalkül erfordern und deshalb Spannung erzeugen, als auch moralisch schwierige Entscheidungen. Will Jerico einem gefangenen Wolfmensch die Folter ersparen oder hört er auf Darius und versucht um jeden Preis an kriegsentscheidende Informationen zu gelangen? Gemessen werden die Erfolge des Spielers durch den Fortgang der Handlung, aber auch anhand von Spielwerten, darunter Werte wie Life, Moral und Favor. In Bezug auf den weißen Paladin Jerico meinen diese Spielwerte, wie unverletzt er ist (Life), wie sehr er gemäß seiner Moral handelt (Moral) und wie sehr er sich an die Doktrinen seines Gottes hält (Favor). Der Spielwert Favor nimmt hierbei eine Sonderrolle ein, da er auch bei einigen Entscheidungen genutzt werden kann, um göttlichen Beistand herbeizurufen (wodurch er absinkt).

Paladins 3Paladins 6Neben der Möglichkeit, Trophäen frei zu spielen, wird am Ende eines Kapitels anhand von Punkten gemessen, wie ‚gut‘ die getroffenen Entscheidungen waren. Das hinterlässt einen schalen Beigeschmack, da die Handlungen des Spielers zu Punktwerten degradiert werden, und ist besonders dann unschön, wenn sich das Gefühl einstellt, für Entscheidungen ungerecht bewertet zu werden, da es innerhalb des Geschehenskein klar ersichtliches Richtig oder Falsch gibt. Vielmehr sollte es doch darum gehen, was der Spieler sich im Rahmen der gespielten Figur traut und wie er im Namen dieser Figur moralisch entscheidet. Hier drückt ihm Paladins einen Stempel auf, an dem er sich zu orientieren hat, statt Entscheidungskorridore zu öffnen, in denen sich die Figuren je nach Auslegung des Spielers glaubhaft bewegen können.

Die getroffenen Entscheidungen scheinen Einfluss auf die kapitelübergreifende Handlung zu haben, aber das kann täuschen. Zumindest der Wert Favor will während des Abenteuers durch die richtigen Entscheidungen verdient werden, damit Jerico später in brenzligen oder wichtigen Situationen Handlungen mit göttlicher Hilfe ausführen kann. Innerhalb eines Kapitels sind kleinere Wendungen möglich. Das Überleben steht aber im Fokus. Wer stirbt, muss das Kapitel neu beginnen. Wenn er ‚Glück‘ hat, darf er die letzte Entscheidung neu fällen. Glück bezieht sich hier auf einen weiteren Spielwert, nämlich Luck, der am Kapitelende vergeben wird und den der Spieler in solchen Situationen nutzen kann.

Paladins: Text Adventure RPG ist solide, ja typische Fantasy, die durch die Möglichkeit, im Handlungsverlauf Entscheidungen im Namen verschiedener Figuren zu treffen, deutlich aufgepeppt wird, und so zu einem kurzweiligen Abenteuer einlädt. Je nach Lesegeschwindigkeit ist man bei rund dreißig kurzen Kapiteln mehrere Stunden beschäftigt. Wer auf Werbeeinblendungen verzichten und die Entwickler unterstützen will, kann die interaktive Erzählung für wenig Geld als App erwerben. Sonst ist sie auf allen gängigen Mobilgeräten auch kostenfrei zu haben.

Infokasten

„Paladins: Text Adventure RPG“

Entwickler: Delight Games

Plattformen: Mobilgeräte (Android, iOS, Windows Mobile)

USA 2017

Veröffentlicht als App zum Download auf Mobilgeräten.

In Englischer Sprache.

Letzte Änderung amFreitag, 25 August 2017 05:41
André Vollmer

Schriftsteller, Philologe und Journalist (Germanistik & Skandinavistik, M.A.)

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„Fantasy is escapist, and that is its glory. If a soldier is imprisioned by the enemy, don't we consider it his duty to escape? If we value the freedom of mind and soul, if we're partisans of liberty, then it's our plain duty to escape, and to take as many people with us as we can!“

― J. R. R. Tolkien