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„Little Nightmares II“ – Albtraumhafte Groteske übers Kleinsein zu zweit

Empfehlung Mono in Bedrängnis Tarsier Studios Mono in Bedrängnis

Wie schon sein Vorgänger entführt Little Nightmares II in eine albtraumhafte Welt, die mit einer rätselhaften Geschichte und dichter Atmosphäre aufwartet.

Rezension

LN2 1Mitten in der Nacht wacht Mono neben einem toten Röhrenfernseher auf und findet sich in einem nebelverhangenen Wald wieder. Ohne weitere Erklärungen beginnt der Junge mit der Papiertüte auf dem Kopf eine Reise hinaus aus dem schaurigen Wald und hinein in eine menschenleere Stadt namens Pale City, deren schräge Geometrie an die Kulissen expressionistischer Filme erinnert. Die Erwachsenen, denen Mono unterwegs begegnet, sind albtraumhafte Karikaturen ihrer selbst, die dem Jungen an den Kragen wollen, darunter auch ein Jäger, der mit seiner Flinte Jagd auf Kinder macht und Fallen im Laub auslegt. In dessen Keller, aus dem eine traurige Spieluhrmusik dringt, befreit Mono ein Mädchen, das ihn fortan begleitet und für ihn genauso Freundin, Helferin und Schützling wird wie für die Spieler*innen, die den Jungen durch die bizarre Spielwelt steuern, und das nicht zuletzt, weil Mono das Mädchen jederzeit bei der Hand nehmen kann – das ist eine vertrauensvolle Geste, die die Erinnerung an das Videospiel ICO wachruft, in dem die Spieler*innen ein ebenfalls gerettetes Mädchen aktiv durch Knopfdrücken an der Hand halten müssen, um sie durch die gefährliche Spielumgebung zu führen, wodurch sie eine enge Beziehung zu ihr aufbauen – zumindest theoretisch. Das Mädchen in Little Nightmares II ist da schon eigenständiger. Sie wird durch den Computer gesteuert, weckt aber dennoch das Gefühl, nicht allein und außerdem für sie verantwortlich zu sein. Für Spieler*innen des ersten Teils ist Monos Begleiterin eine alte Bekannte, die sich spätestens dann zu erkennen gibt, wenn sie ihren ikonischen Regenmantel anlegt.

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Rätsel-Plattformer, Adventure und Horror

Little Nightmares II ist eine Mischung aus Rätsel-Plattformer, Adventure und Survival-Horror. In den 2,5 Dimensionen der Spielwelt wird gehüpft, sich versteckt, geschoben, gezogen, geschlichen, gerannt und geklettert. Um weiterzukommen müssen immer wieder Umgebungsrätsel gelöst werden. Das bleibt abwechslungsreich, da stets neue Mechaniken vorgestellt werden, die anschließend für Knobeleien verwendet werden. Das reicht vom klassischen Schieben einer Kiste, um an einen Schalter zu gelangen, über das Sammeln von Schlüsseln bis hin zu Fernsehgeräten, die als Teleporter verwendet werden können, und vieles mehr. Zwischen die Rätsel mischen sich Abschnitte, in denen es eher darum geht, die düstere Atmosphäre von Pale City einzusaugen.

LN2 3Oft gibt das Leveldesign dem Erkunden und Rätseln viel Freiraum, sodass der Eindruck einer zusammenhängenden Spielwelt entsteht sowie bisweilen das Gefühl, eher ein Adventure als einen Plattformer zu spielen, zumal die Kulisse nicht bloß schmückendes Beiwerk für die Spielmechanik ist, sondern entscheidend zur Vermittlung der mysteriösen Geschichte von Little Nightmares II beiträgt, die nahtlos an die des Vorgängers und dessen DLCs anknüpft, sodass ein Gesamtkunstwerk entsteht. Eine Vermittlung durch Sprache, sei es durch einen Erzähler oder durch Dialoge, bleibt aus. Die Inszenierung stützt sich vollkommen auf die Figuren, ihre Handlungen und die Gestaltung der Spielumgebung samt musikalischer Untermalung – quasi pures Show, don’t tell. Dadurch bleibt das Spiel zum einen im Fluss, denn durch das unterbrechungslose Erleben entsteht eine Unmittelbarkeit, die Sogwirkung entfaltet. Zum anderen unterstützt diese Form der Inszenierung das Geheimnisvolle der Storyworld und der darin agierenden Figuren, sodass ein großes Rätsel entsteht, das Spieler*innen zum Weiterspielen und Ausdeuten einlädt – und natürlich zum Darüberreden, was in Zeiten medialer Überfrachtung eine kluge aufmerksamkeitsökonomische Strategie darstellt.

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Der Schrecken hat viele Gesichter

Der Schrecken in Little Nightmares II ist vielgestaltig in Szene gesetzt. Da gibt es zum einen die Schleicheinlagen, die dicht an die Quelle des Schreckens heranführen und Beobachtungsgabe sowie gutes Timing erfordern, und zum anderen atemlose Verfolgungsjagden, die für Adrenalin sorgen und Reaktionsvermögen sowie Plattformer-Skills verlangen. Hier sind Versuch und Irrtum unweigerlich Teil der Spielerfahrung. Sie schmälern den Schrecken ein wenig. Auch in der Inszenierung des Schreckens bleibt sich die Spielmechanik treu: die Monster, auf die Mono trifft, werden konsequent in die Umgebungsrätsel mit eingebunden, sodass eine direkte Konfrontation vorprogrammiert ist. Weglaufen, austricksen und sich verstecken, vor allem aber dem Unheimlichen zu begegnen und es auszuhalten, gehört zu vielen Rätseln von Little Nightmares II dazu. Gegenüber dem ersten Teil ist neu, dass manchmal auch gekämpft werden muss, wenn Mono sich mit einer Axt, die eigentlich zu groß für ihn ist, schwerfällig zur Wehr setzt.

LN2 8Abgesehen von Schleichen und Flüchten weiß Little Nightmares II mit Suspense die Nerven zu kitzeln. In der taschenlampendurchleuchteten Dunkelheit eines Krankenhauses etwa eilt die Fantasie dem tatsächlichen Schrecken schnell voraus und man ahnt mit mulmigem Gefühl im Bauch, was sich da anbahnt. Überhaupt wird viel der unheimlichen Atmosphäre sowohl durch die Szenerie von Pale City ausgelöst – eine endlose Nacht, in der es unentwegt regnet – als auch durch die Geschehnisse, die im Hintergrund der Spielwelt stattfinden – Menschen, die sich von Dächern stürzen – oder die nicht direkt gezeigt werden und sich daher nur erahnen lassen. Zu letzterem gehört der Umstand, dass fast überall in der Spielwelt die Kleidung von Menschen liegt, die jetzt offenbar verschwunden sind.

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Erwachsene als pervertierte Sinnbilder

Auf Ebene der Präsentation sind es wie schon in Little Nightmares außerdem die groteske Ausgestaltung der gegnerischen Spielfiguren, die einem Schauer über den Rücken jagt. Sie erscheinen wie ins Grässliche übersteigerte Sinnbilder ihrer selbst, deren ursprüngliches Sein pervertiert wurde, so etwa eine Lehrerin, die sich durch menschenverachtenden Drill eine Schule voll von aggressiven und gehässigen Porzellankindern gefügig gemacht hat. Das Groteske an ihr: Sie kann ihren Hals nahezu endlos strecken, quasi einen langen Hals machen, um Unruhestifter*innen nachzuschnüffeln. Verstärkt wird das Schreckliche zudem dadurch, dass Mono und das Mädchen, das er befreit hat, so viel kleiner als die Erwachsenen sind, in deren Hand sie passen.

LN2 10Aber auch Mono und seine Begleiterin haben Unheimliches an sich, schon allein wegen des anonymisierenden Charakters ihrer Kleidung. Mono trägt eine Papiertüte oder andere Kopfbedeckungen, die Spieler*innen unterwegs finden können. Dadurch sind stets seine Augen oder sogar sein Gesicht verdeckt. Selbes gilt für das Mädchen, sobald es seinen Regenmantel trägt. Es birgt darüber hinaus ein dunkles Geheimnis, das im Spielverlauf mehr und mehr Gestalt annimmt, für Kenner des ersten Teils aber von Beginn an wie ein Damoklesschwert über Monos Abenteuer hängt. Dass die Tarsier Studios für böse Überraschungen gut sind, haben sie zuletzt durch einen DLC zum Vorgängertitel von Little Nightmares II bewiesen, in dem es um einen Jungen geht, der nur Runaway Kid genannt wird.

Insgesamt arbeitet das Spiel – wie schon der erste Teil vor ihm – mehr oder weniger offen mit den Themen der Vernachlässigung von Kindern und der Gewalt gegenüber Kindern. Dadurch wirken die Spielwelt und die Geschehnisse von Little Nightmares II wie der endlose Albtraum eines Kindes; doch das wäre nur eine von vielen möglichen Deutungen.  

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Fazit: Rätselplattformer in düsterer Horrorwelt

Little Nightmares II ist ein Muss für Liebhaber*innen einer dichten Horroratmosphäre, die zudem Plattformer und Adventures mögen. Das Spiel überzeugt weniger durch herausfordernde Rätsel oder knifflige Jump ’n’ Run-Einlagen, auch wenn beides darin vorkommt. Was dieses Spiel auszeichnet, ist eine gelungene Mischung verschiedener Genres, die in Verbindung mit einer originellen Geschichte und Ästhetik eine intensive Spielerfahrung ermöglicht, die bis über das Ende des Spiels hinaus nachklingt.

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Trailer zu Little Nightmares II

 

Infokasten

„Little Nightmares II“

Entwickler: Tarsier Studios

Publisher: Bandai Namco Entertainment

Plattformen: Xbox One (im Test), Xbox Series X/S, PlayStation 4, PlayStation 5, PC (Windows, Stadia), Nintendo Switch

Schweden | 2021

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Letzte Änderung amSonntag, 04 April 2021 17:16
André Vollmer

Schriftsteller. Forscher. Phantast. Am Meer geboren. Gründer von Mellowdramatix.

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