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„Paradise City“ – Der langsamste Thriller der Welt

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Als Rechercheurin eines Nachrichtenportals spürt die gesundheitlich angeschlagene Liina verdeckten Machenschaften der Regierung im Gesundheitssektor nach.

Rezension

Deutschland. Eine nicht allzu ferne Zukunft. Der Klimawandel und eine marode Infrastruktur haben zu einer Landflucht geführt. In den Städten ballt sich die Bevölkerung, hingegen ländliche Gegenden verwildern und verwahrlosen. Für ein regierungskritisches Nachrichtenprotal untersucht die Rechercheurin Liina einen Todesfall in der entvölkerten Uckermark. Eine Frau soll von einem Schakal gerissen worden sein. Liina vermutet eine Falschnachricht. Davon streut die Regierung viele, um von den tatsächlichen Problemen abzulenken. Entsprechend gelangweilt ist sie von dem Auftrag, den sie für eine Schikane ihres Chefs Yassin hält. Doch als der plötzlich vor eine einfahrende U-Bahn gestoßen wird – angeblich sei er nur gestürzt –, wittert Liina, dass mehr an der Sache dran ist. Bald stößt sie auf Machenschaften im Gesundheitssektor, die bis in die höchsten Regierungskreise reichen.

Paradise City wird als Thriller beworben. Aber wenn der Roman von Zoë Beck ein Thriller ist, dann ist es der langsamste der Welt. Erst in der Mitte des ohnehin schmalen Taschenbuchs nimmt die Geschichte Fahrt auf. Bis dahin dümpelt Liinas Recherche vor sich hin. Das passt zu der eher orientierungslosen Hauptfigur, die die meiste Zeit gelangweilt oder genervt ist, vielleicht sogar depressiv, obschon sie eine fähige Rechercheurin ist. Die Gemütlichkeit der Handlung gibt Raum einerseits für die Ausschilderung der dystopischen Zukunft, andererseits für Retrospektiven, in denen Liinas Charakter anhand ihrer Vergangenheit gezeichnet wird.

Ein erzählerischer Kniff lockert die Langsamkeit auf: Während die Leser*innen an der Seite der Hauptfigur auf den Recherchedurchbruch warten, werden sie gleichzeitig wieder und wieder durch plötzliche Wendungen, die ein neues Licht auf die Hauptfigur werfen, überrascht oder sogar vor den Kopf gestoßen. Eine davon ist, soviel sei angedeutet, Liinas gesundheitlicher Zustand, aufgrund dessen sie regelmäßig Tabletten nehmen muss. Das ist unbedingt erwähnenswert, einerseits, weil es die geistige Verfassung der eher untypischen Protagonistin miterklärt. Andererseits wird Liinas Gesundheit zum erzählerischen Aufhänger für die Darstellung eines staatlich verordneten Gesundheitsmonitorings. Mittels Biochip und App auf Liinas Smartcase – dem Smartphone der Zukunft – wird ihr gesundheitlicher Zustand getrackt und von einer künstlichen Intelligenz verwaltet, samt automatischer Empfehlung, wann wieder Tabletten einzunehmen sind.

Bei mir hat Paradise City nicht gezündet – das ist absichtlich subjektiv formuliert, denn anderen mag dieser Thriller durchaus zusagen, zumal er 2020 den ersten Platz des Deutschen Krimipreises gewonnen hat. Doch ich meine, gute Gründe zu haben, die mein Missfallen erklären. Eine Handlung, die sich wie beschrieben Zeit lässt, ist an und für sich kein Manko. Doch im Falle von Paradise City bleibt ebendiese, auch wenn sie schließlich zum Spannungsträger wird, aufgrund altbackener Erzählklischees vorhersehbar. Figuren, die von vornherein unsympathisch sind, müssen natürlich die Bösen sein. Das ruiniert jeden Twist, wird aber unter Leserführung verbucht. Zudem sollte an die Stelle der Spannung oder Faszination, die durch den Handlungsverlauf entsteht, eine andere gesetzt werden, eine, die beispielsweise durch die Figuren hervorgerufen wird. Bis auf die Protagonistin bleiben die übrigen Figuren in Paradise City aber blass, sie sind kaum mehr als ein Name und eine Beschreibung der äußeren Erscheinung und verfügen über keine individuelle Sprache.

Auch das wäre verkraftbar, wäre wenigstens die dargestellte Welt interessant – gerade in einem dystopischen Zukunftsroman. Die Welt, die Zoë Beck schildert, ist dafür allerdings zu banal und zu wenig ambivalent, sie zerfällt in plakative Oppositionen, etwa in Stadt- versus Landlandbevölkerung: die einen sind gesund und zufrieden, aber von ihrem Menschsein entfremdet und indoktriniert, die anderen krank und unglücklich, dafür jedoch menschlich und unangepasst. Einige graue Schlieren ziehen sich durch die Schwarz-Weiß-Malerei, damit dramaturgische Überraschungen möglich werden. Die nahe Zukunft erscheint in Paradise City wie ein Potpourri aus gerade aktuellen Themen, die bis auf die Klimakatastrophen, die das Deutschland der Romanwelt nachhaltig verändert haben, eher unglaubhaft von der Autorin extrapoliert werden. Zu nennen wären da Themen wie Gesundheitswahn und Selbstoptimierung, flächendeckende Videoüberwachung, staatliche Bevormundung der Bevölkerung und Desinformation derselben durch Fake News sowie die Frage, welches Leben als lebenswert gilt.

Die Bewertung manch kritischer Themen wird nicht den Leser*innen überlassen, stattdessen derart moralisch-melodramatisch übertüncht, dass es bisweilen wehtut. Hauptsache, moralisch eindeutig. Wo der Roman in der Darstellung des Schreckens also hätte schockierend sein müssen, bleibt er bloß sentimental. Dadurch wirkt das Buch wie der angestrengte Versuch seiner Autorin, möglichst alles richtig zu machen und auf gar keinen Fall anzuecken, insgesamt also wie eine unauthentische Anbiederung an den Zeitgeist, die keine eigene Akzente setzt. Das hat aber auch Vorteile. Denn die handlungsführenden Figuren sind im Wesentlichen weiblich, lesbische Ehen sind kein Problem und Namen wie Dr. Mahjoub, Yassin und Özlem legen nahe, dass die Welt von Paradise City divers ist.

Zoë Becks Roman wurde schon bei Erscheinen im Juni 2020 eine brisante Aktualität attestiert. Die fiktive App für das Gesundheitsmonitoring aus dem Roman haben einige Medienvertreter*innen und Leserkritiken mit der da gerade neuen Corona-Warn-App verglichen. Diese vermeintliche Aktualität scheint aufgrund der Covid-19-Pandemie nicht nachgelassen zu haben. Kürzlich haben namhafte deutsche Schauspieler*innen mit ironisch gemeinten YouTube-Videos gegen die staatlichen Schutzmaßnahmen protestiert, die manche von ihnen als Panikmache und Bevormundung deuten. Eine Bevormundung der Menschen durch den Staat findet auch in Paradise City statt, wenn nicht sogar eine Art technokratische Gesundheitsdiktatur. Es mögen sich also Vergleiche zwischen Roman und Realität anstellen lassen, doch sind sie genauso plakativ wie der allzu generalisierende Protest der Schauspieler*innen und deshalb gefährlich.

Ein Mitdenken der Ambivalenz von Wirklichkeitszusammenhängen war nie wichtiger als heute, ebenso wie die Darstellung feiner Unterschiede, die sich gegen grobe Verallgemeinerungen wehrhaft zeigt. Ein simples Für oder Dagegen ist unmöglich geworden, stattdessen braucht es eine differenzierte Haltung, die sich auf ihre Argumente hin befragen lassen muss. Eine solche Haltung zu entwickeln und darzustellen, so streitbar sie sein mag, ist das angestammte Metier von Romanen. Doch all dies sind nicht gerade Stärken von Zoë Becks Thriller, der den Anspruch hat, einen dystopischen und in dieser Weise warnenden Blick auf die nahe Zukunft zu werfen. Über den reinen Unterhaltungswert eines mäßigen Thrillers gelangt der Roman nicht hinaus und ist daher kein lesenswerter Beitrag zur aktuellen Situation. Gewiss wurde der Roman auch nicht in dieser Absicht geschrieben, doch medial gern als solcher gehandelt. Die beeindruckende Zukunftsvision, die manche Kritiken dem Roman zuschreiben (Dlf Kultur, NDR, Literaturkritik.de), mag theoretisch vorliegen, ist sprachlich und erzählerisch jedoch kaum realisiert. Beispielsweise ist um Frankfurt als Regierungssitz eine gewaltige Megacity entstanden, während Berlin allenfalls noch zum Museum taugt und touristisch besucht wird. Gerade jene neue Metropolregion wird inszenatorisch kaum spürbar.  Ohnehin wird vieles durch den Erzähler nur mitgeteilt statt durch sprachliche Gestaltungin Szene gesetzt wird.

Fazit: Durchschnittsthriller mit dystopischem Anstrich

Paradise City ist ein langsam erzählter Thriller in einem dystopischen Deutschland der nahen Zukunft, der am Schicksal der Protagonistin von den verdeckten Machenschaften der Regierung im Gesundheitssektor erzählt und dabei die Frage aufwirft, welches Leben lebenswert ist und welches nicht. In den Medien wird der Roman höher gehandelt, als er ästhetisch und inhaltlich hergibt — insgesamt ein durchschnittlicher Thriller.

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Infokasten

„Paradise City“

Autorin: Zoë Beck

Verlag: Suhrkamp

280 Seiten, Softcover, Erstauflage

Deutsche Erstausgabe: 22.06.2020 (Druck/Digital)

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Letzte Änderung amSamstag, 15 Mai 2021 11:49
André Vollmer

Schriftsteller. Forscher. Phantast. Am Meer geboren. Gründer von Mellowdramatix.

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