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Film

„The World of Kanako“ von Tetsuya Nakashima

Filmplakat (Ausschnitt) Filmplakat (Ausschnitt)

Was einen in der Welt Kanakos erwartet? Ein abgefuckter Trip für Hartgesottene in Tokyos Unterwelt und ins Grauen hinter dem schönen Schein! Wow!

Rezension

Als seine Tochter spurlos verschwindet, rafft sich Akikazu Fujishima (Kôji Yakusho) ein letztes Mal aus seinem Suff auf und geht sie suchen. Nach und nach muss der abgehalfterte Ex-Cop allerdings feststellen, dass seine Kanako (Nana Komatsu) ein gänzlich anderer Mensch ist, als er geglaubt hat. Da wiederum ist der fluchende Antiheld mit der extrem losen Hand schon zu weit in die Unterwelt Tokyos abgestiegen, um noch umdrehen zu können. Die Schreckensfahrt, auf die er sich mit seinen Nachforschungen begibt, macht Akikazu alles andere als reuevoll. Stattdessen wird dem gebrochenen Mann sehr bald klar, warum er Kanako überhaupt noch finden will. Väterliche Liebe ist es jedenfalls nicht.

Kaputter als der Protagonist von The World of Kanako war selten eine Figur. Und so selten konsequent wird sie auch inszeniert: als das Arschloch, das sie ist. Fühlt man erst noch mit dem abgewrackten Suffkopf mit, wechselt diese Haltung bald zu einer ungewöhnlichen Mischung aus Abscheu und Vergnügen, denn die Tragikomik, die zuvor noch bezirzte, kippt ins Groteske. Mit Verlauf der Handlung zeigt sich, wie tief Akikazus Abgründe wirklich sind, und zwar im Gleichschritt mit den Enthüllungen über seine Tochter. Hinter Kanakos Engelsgesicht herrscht Boshaftigkeit und emotionale Leere, die seltene Blüten tragen, meist scheinheilige, die für jene, die ihrer oberflächlichen Schönheit und Sanftmut verfallen, entsetzliches Grauen bereithalten. Wie Kill your Friends manifestiert dieser Film das Abgründige der menschlichen Seele und erzählt davon auf zwei Zeitebenen, die geschickt miteinander verwoben sind, daher fast wie verschmolzen, fast wie eine einzige wirken. Während Akikazu zunehmend  in die Unterwelt Tokyos abrutscht und aufdeckt, wie sehr diese mit dem scheinbar sorgenfreien Leben japanischer Teenager verquickt ist, wird parallel erzählt, wie Kanako mit einem Jungen anbandelt, dessen geheimer Schwarm sie ist.

The World of Kanako nimmt den Zuschauer auf einen dreckigen Trip mit, der über die letzte Szene des Films hinaus nachhallt, dabei trotz aller Heftigkeit durch derb-schwarzen Humor bei Laune hält und angesichts der gezeigten seelischen Perversion mitreißt. Es treibt die Galle hoch, mit welcher Leichtigkeit und Brutalität die Starken den Schwachen zusetzen, sie durchweg respektlos, letztlich nicht mal mehr wie Menschen behandeln. Wie Yakuzi und Jugendbanden die Straßen regieren, geleckte Cops sich Lolly lutschend über den abgebrochenen Akikazu amüsieren. Wie die beliebten Schüler die Außenseiter drangsalieren, und Mädchen ihre Anmut missbrauchen, um die Ahnungslosen zu verführen und auszuliefern.

Wie der schon genannte Kill your Friends, aber auch wie Shrew’s Nest und Yakuza Apocalypse: The Great War of the Underworld ist dieser Film von Tetsuya Nakashima eines der Meisterwerke des Fantasy Filmfestes 2015, das nicht nur narrativ, sondern auch optisch durch eine Vielzahl genialer Ideen in Hinblick auf Montage oder Musikeinsatz glänzt. Man denke nur an die Partyszenen in einer Tiefgarage, die gänzlich konträr zum restlichen Film gearbeitet sind: Kunterbunt und rasant zum Gute-Laune-Sound einer Girlie-Band geschnitten, während Schüler abfeiern und sich Schnaps, Pillen und Koks reinziehen, als wäre es nichts.

The World of Kanako ist eine scheußlich-schöne Perle des japanischen Autorenkinos, abgründig und grotesk, dabei hochgradig ästhetisiert, durchweg ein makabrer Spaß für Hartgesottene!

Trailer zu The World of Kanako

Infokasten

„The World of Kanako“ (OT: Kawaki)

Regie: Tetsuya Nakashima         

Drehbuch: Akio Fukamachi (Romanvorlage), Tetsuya Nakashima u.a. (Drehbuch)

Laufzeit: 118 Minuten

Produzent: GAGA, GyaO, Licri, Tsutaya

Verleih: Rapid Eye Movies

Japan | 2014

Letzte Änderung amDonnerstag, 07 November 2019 21:30
André Vollmer

Schriftsteller, Kritiker und Gründer von Mellowdramatix; Studierter (Literatur- und Sprachwissenschaft, M.A.); am Meer geboren. Auf Twitter als er selbst: @avllmr.

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„Phantasie bzw. Fantasie (griech.: [...] phantasía – ‚Erscheinung’, ‚Vorstellung’, ‚Traumgesicht’, ‚Gespenst’) bezeichnet eine kreative Fähigkeit des Menschen. Oft ist der Begriff mit dem Bereich des Bildhaften verknüpft (Erinnerungsbilder, Vorstellungsbilder), kann aber auch auf sprachliche und logische Leistungen (Ideen) bezogen werden. Im engeren Sinn als Vorstellungskraft bzw. Imagination ist mit Phantasie vor allem die Fähigkeit gemeint, innere Bilder und damit eine ‚Innenwelt’ zu erzeugen.“

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