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Romane

„Der Fluch des Hechts“ – Mythisches Lappland

Cover (Ausschnitt) homunculus Verlag Cover (Ausschnitt)

Die Natur Lapplands ist geheimnisvoll, mückenumwölkt und tödlich. Nur, wer über Humor verfügt, hält dem auf Dauer stand. Ein Provinzroman der phantastischen Art.

Kurzrezension

Juhani Karilas mehrfach ausgezeichneter Debütroman Der Fluch des Hechts schickt seine Leserschaft auf eine Reise in die finnische Provinz. Hier ist die Natur noch unzumutbar, die Einwohnerschaft eigensinnig und das Übernatürliche unerwartet präsent. Die einzelgängerische Elina kennt das alles schon, sie kommt ja von dort. Wie jeden Sommer kehrt sie in ihr Heimatdorf zurück, um draußen im Moor einen dicken Hecht aus dem Sleiväslampi-Tümpel zu angeln, als hinge ihr Leben davon ab. Hingegen die Polizistin, die ihr auf den Fersen ist, Janatuinen, ahnt nicht einmal ansatzweise, was im sumpfigen Nordosten Finnlands lauert. Nicht umsonst sperrt ein Wärterhäuschen mit Schlagbaum die einzige Straße dorthin ab.

Die Geschichte in Der Fluch des Hechts lebt von seinen schrägen Figuren und ihren wortkargen Dialogen, die mit trockenem Humor in Szene gesetzt werden, ohne je albern zu werden. Der Roman nimmt sein Figurenensemble ernst, und das ist wichtig, denn eigentlich schildert er eine tragische Liebe. Es geht um vertane Chancen und ihre Konsequenzen. Um Schuld und Schuldgefühle. Der Humor ist denn auch keiner, der sich distanziert. Vielmehr sucht er die Nähe und will, statt wie eine schnöde Komödie die Figuren zu verspotten, ihren Schmerz überwinden helfen. Die schrullige Dörflichkeit des Romans wird nie langweilig, weil sie in einer als menschenfeindlich dargestellten Natur angesiedelt ist. Alles an Lapplands Flora und Fauna erscheint beschwerlich und gefährlich. Sumpf und Moor überall, schwere Regenbrüche, wolkenweise Mücken und nicht zuletzt launische Fabelwesen, manche zum Lachen drollig, andere majestätisch-böse.

Die Idee Lapplands liegt in der Verbindung aus Größe und Leere. In dem von zerzausten Fichten durchstoßenem Horizont, dessen entsetzliche Kahlheit die Menschen stumm macht und die Mythen stark. Mythen, die sich von Angst nähren. Die sich zu Ungeheuern verdichten, die durch die Moore streifen wie vor Urzeiten angeworfene Maschinen, die keiner mehr abzustellen weiß. Sie schwimmen in dunklen Gewässern. Kauern in Dachböden, mit glühenden runden Eulenaugen.

Zudem inszeniert sich der Roman von Anfang an als großes Geheimnis. Nie weiß man so recht, was man als nächstes erwarten darf. Die Reise beginnt wirklichkeitsnah, aber schon jenseits von Schlagbaum und Wärterhäuschen nimmt das Phantastische Fahrt auf. Da bleibt keine Zeit für Langeweile. Auch hier sei angemerkt, dass die grundlegende Ernsthaftigkeit nicht verloren geht. Die Konflikte der Figuren (und die dahinterstehenden Motivationen) bleiben authentisch. Nur kommen eben noch phantastische hinzu. Dieser Kontrast macht den Reiz von Der Fluch des Hechts aus und sorgt für viele witzige, zugleich unheimliche Momente.

Der Fluch des Hechts bietet eine unterhaltsame und bis zum Schluss spannende Lektüre, die ins sumpfige Lappland mit schrulligen Dörflern und bizarren Wesen führt.

der fluch des hechts cover

Infokasten

„Der Fluch des Hechts“ (OT: Pienen hauen pyydystys)

Autor: Juhani Karila

Übersetzung (aus dem Finnischen): Maximilian Murmann

Verlag: Homunculus Verlag

301 Seiten, Hardcover, veröffentlicht am 03.März 2022

Deutsche Erstausgabe 2022, Erstausgabe Finnland 2019 

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Letzte Änderung amDienstag, 29 März 2022 09:08
André Vollmer

Schriftsteller. Forscher. Phantast. Am Meer geboren. Gründer von Mellowdramatix.

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„Jahre waren es, da lebte ich nur im Echo meiner Schreie, hungernd und auf den Klippen des Nichts. […] Bis mich die Seuche der Erkenntnis schlug: es geht nirgends etwas vor; es geschieht alles nur in meinem Gehirn. Nun gab es nichts mehr, das mich trug.“

 Gottfried Benn

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