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„The Hole in the Ground“ – Die Zweifel einer (kranken) Mutter

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Oft spielt die Phantastik damit, ob ein Ereignis als realistisch oder übernatürlich zu deuten ist, so auch in The Hole in the Ground, wie nachfolgend diskutiert.

Spoiler-Hinweis: Diese Besprechung bezieht sich auf konkrete Filminhalte. Eine spoilerfreie Einschätzung von The Hole in The Ground gibt es in unserer Rezension zu diesem Film.

Essayistische Besprechung

The Hole in The Ground ist psychologischer Horror, der seine Spannung und Dynamik unter anderem aus dem inneren Konflikt der Hauptfigur Sarah O’Neill (Seána Kerslake) gewinnt. Sie ist die Mutter eines Jungen, Christopher (James Quinn Markey), der im Wald in der Nähe ihres Hauses für Momente verschwindet und, als er wiederauftaucht, seltsam verändert scheint. In der Folge ist in Sarahs Bewusstsein der Zweifel gesät, ob Christopher, der sich zunehmend eigenartiger verhält, wirklich ihr Sohn ist. Es ist interessant zu beobachten, wie in The Hole in The Ground Horror und Phantastik gleichermaßen – die Genres vermischen sich hier – ein durchweg wirklichkeitsnahes Thema aufnehmen und es als spannungssteigerndes Narrativ verwenden, nämlich das Thema mütterlichen Zweifels an der Echtheit des eigenen Kindes, ein wahnhafter Zweifel in diesem Fall, der zur Entfremdung der Mutter von ihrem Kind bis hin zur völligen Ablehnung führt.

Allerdings wirkt dieser Geisteszustand der Mutter im Werk nur vorübergehend krankhaft. Denn schließlich wird Sarahs mütterlicher Instinkt bestätigt und der Junge als andersweltliches Kuckuckskind entlarvt: als bedrohlicher Wechselbalg, der gegen ihren wahren Sohn ausgetauscht wurde und ob seiner Enttarnung zur Gefahr für Sarah wird. Einer kritischen Perspektive, die sich der Ernsthaftigkeit dieses Themas bewusst ist – denn es gibt Mütter, die ihre Kinder für ausgetauscht halten, mit schrecklichen Konsequenzen – könnte eine derartige Auflösung des inneren Konflikts problematisch erscheinen. Eine solche Kritik könnte vorbringen, dass zuletzt lieber das gesamte Möglichkeitengefüge der Erzählwelt umgekrempelt werde, als dass die Hauptfigur – zugleich die Identifikationsfigur der Zuschauer:innen und damit deren moralischer Kompass – falsch liegen könne.

So ein Einwand würde allerdings das Phantastische und seine Erzählmöglichkeiten insgesamt disqualifizieren. Denn solch ein Einwand ließe das Recht der Fantasie außer Acht, will sagen: ließe sowohl die künstlerische als auch die rezeptive Lust an der Realisierung des Unmöglichen in Kunst und Medien völlig unbedacht. Wer diesen Einwand vorbringt, was ich hier stellvertretend tue, sollte einsehen, dass der Wahnsinn der Mutter in The Hole in The Ground lediglich der Spannungserzeugung dient: als Möglichkeit der wirklichkeitsnahen Darstellung, über welche letztlich die Übernatürlichkeit der fiktionsinternen Wirklichkeit obsiegt, womit ein monströser Schrecken von der Leine gelassen wird, der nichts mehr mit der objektiven Realität zu tun hat, wie wir sie aus dem Alltag kennen. Denn am Ende wird klar: Es gibt unterirdisch lebende Gestaltwandler, die Kinder kidnappen, ihr Aussehen kopieren und sich in Familien einschleichen. The Hole in The Ground spielt bis zum Finale mit der Unsicherheit, ob nun Christopher das Monster ist oder seine Mutter den Verstand verliert, verdichtet aber zugleich mit fortlaufender Handlung die Hinweise auf eine übernatürliche Bedrohung und destilliert so Spannung aus dem Spiel mit der Unschlüssigkeit des Publikums. Dieses Erzählverfahren ist für bestimmte Spielarten der Phantastik typisch.

Dem Film kann man, aber sollte man nicht vorwerfen, dass er das Spiel mit der Unsicherheit schließlich zugunsten des Übernatürlichen auflöst und mit dem Realismus der Thematik folglich nur spielt. Es gilt hier aber nicht nur das Recht der Fantasie, sondern auch das Recht auf Spannung, was bloß die Lust auf ein Abenteuer meint – und das Übernatürliche verspricht stets abenteuerlich zu werden, ja ungeheuerlich. Was wäre das Horrorgenre, wenn es dem Irrealen und Albtraumhaften keine Gestalt geben dürfte? Wir wollen das Abenteuer und Fiktionen können sie uns ohne Risiko geben. Natürlich geschieht dies im Falle von The Hole in The Ground zu dem Preis, dass Spannung gegen Ernsthaftigkeit eingetauscht wird. Aber nichts ist umsonst. Dass das Spiel mit der Unsicherheit zuletzt so ausgeht, wie es ausgeht, liegt auch daran, dass eine wirklichkeitsnahe Auflösung – die Mutter ist wahnsinnig und tötet ihr unschuldiges Kind – deutlich schwerer zu verdauen und damit weniger vermarktbar gewesen wäre. Der moralische Kompass des Publikums – die Hauptfigur – würde nicht mehr den Weg zum moralisch Guten weisen, im Gegenteil: Statt eines Happy Ends würden sich Schrecken und Ernüchterung angesichts einer grausigen Realität einstellen, was dem Film aber mit Sicherheit von vielen vorgeworfen worden wäre, weil man sich von der Identifikationsfigur hätte betrogen gefühlt, freilich ohne sich das bewusst zu machen. Ein solcher Bruch mit den Erwartungen kann ästhetisch sinnvoll sein, würde das Werk aber aus der Unterhaltungssparte katapultieren.

Aus einem weiteren Grund wäre ein Vorwurf gegenüber The Hole in The Ground nicht gerechtfertigt. Im Spiel mit den Deutungen – Monster oder nicht Monster, Wahnsinn oder nicht Wahnsinn – muss am Ende zwingend eine Entscheidung für das Realistische oder das Übernatürliche fallen, sofern das Ende des Erzählwerks nicht offenbleiben soll. Letzteres – die Aufrechterhaltung der Mehrdeutigkeit – hat seinen eigenen Reiz und macht für einige Vertreter der minimalistischen Definition der Phantastik ebendiese aus, etwa Uwe Durst oder Tzvetan Todorov (Literaturhinweise, siehe unten). Wird aber eine Entscheidung getroffen, so dient sie allein der dramaturgischen Gestaltung des Werkes, bei The Hole in The Ground der Spannungserzeugung.

Manche Kunstkritik neigt aber dazu, insbesondere wenn sie moralisch bewegt ist, derartige ästhetischen Entscheidung zu verabsolutieren und sie als Statement des besprochenen Kunstwerkes zu einem Diskurs zu interpretieren. Das kann Kritik tun, keine Frage. Allerdings darf sie das Werk nicht auf dieses Statement reduzieren und sollte seine Wirkungsabsicht im Auge behalten. Zur Erinnerung: Es gilt das Recht der Fantasie auf die lustvolle Realisierung des Unmöglichen. Ebenso wie das Mögliche notwendigerweise und zu Recht Teil der Kunst werden muss, wenn Kunst irgendeine gesellschaftliche Relevanz haben (und wiedererringen) will. Aber nicht jedes Werk kann oder will dies. Weder das eine noch das andere ist weniger wertvoll, es hat schlicht eine andere Funktion. Das Abenteuerliche muss es genauso geben dürfen wie die ernsthafte Auseinandersetzung. Beides sollte seinen Platz in der Pluralität der Kunst haben. Das bedeutet auch: Würde man fordern, dass The Hole in The Ground realistisch endet, also ernsthaft im Sinne der obigen Beschreibung, dann würde man einen ganz anderen Film einfordern und wir würden nicht mehr über The Hole in The Ground sprechen.

Ein Manko allerdings gibt es – die Vorsehbarkeit. Es ist absehbar, dass dieser Horrorfilm mit einer übernatürlichen Auflösung endet, schlichtweg aus den bereits angeführten Gründen. Ein realistisches Ende wäre unbequem und würde das Abenteuer stören. Daher ist es nicht zu erwarten. Zudem ist das offen gezeigte Übernatürliche in Mode gekommen, seit es dank computergestützter Animationen filmisch leichter zu realisieren ist. Für ein Kino der Attraktionen ist es bestens geeignet, weil es Unterhaltungswert verspricht, oft ohne die Schwere der Realität berühren zu müssen (was nicht per se für das Phantastische gilt). Auch wenn die phantastische und die realistische Auflösung der Unsicherheit in The Hole in The Ground vom ästhetischen Wert gleichrangig sind, stellt sich mir die Frage, ob das Phantastische im heutigen Medienangebot nicht überhandgenommen hat. Angesichts der Vorhersehbarkeit aufgrund der Erwartbarkeit des Übernatürlichen rettet den Filmgenuss bei The Hole in The Ground wohl nur die Rezeptionseinstellung, dass man zwar weiß oder ahnt, was schlussendlich passieren wird, aber eben nicht exakt weiß, wie es geschehen wird. Die meisten Kriminal- und Actiongeschichten funktionieren genau so. Schließlich wissen wir doch von vornherein, dass der Mordfall aufgeklärt und der Held den Kampf gewinnen wird.

Abgesehen von dieser Diskussion über die Auflösung des zentralen Konflikts gelingt dem Film The Hole in The Ground genau das, was er intendiert: langsam erzählter, dennoch spannungsgetriebener Psycho-Horror, der von glaubwürdigem Schauspiel getragen wird, was insbesondere für Seána Kerslake und James Quinn Markey gilt, die hier Mutter und Kind verkörpern.

 

Literatur

Durst, Uwe: Theorie der phantastischen Literatur. Berlin 2007.

Todorov, Tzvetan: Einführung in die fantastische Literatur. Aus dem Französischen vom Karin Kersten u. a. Frankfurt am Main 1992.

 

Trailer zu The Hole in the Ground

 

Infokasten

„The Hole in the Ground“

Regie: Lee Cronin

Drehbuch: Lee Cronin, Stephen Shields

Laufzeit: 90 Minuten

Produzent: Savage Productions, Bankside Films, Head Gear Films, Metrol Technology, Wrong Men North

Verleih: Weltkino Filmverleih (Deutschland)

Ireland|2019

Veröffentlichung in Deutschland: 2. Mai 2019 (Kinostart)

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Letzte Änderung amSonntag, 15 September 2019 11:40
Edvard Solstad

Edvard schreibt über Horror und Phantastik, deren literarische Formen ihn am meisten interessieren.

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– Shigeru Miyamoto, Videospiele-Entwickler