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Film

„Chronicle“ – Plötzlich Superheld

Filmszene (Ausschnitt) Filmszene (Ausschnitt)

Drei Freunde haben plötzlich Superkräfte, doch nicht alle von ihnen können damit umgehen. Erst spaßen sie herum, dann wird Ernst daraus. Superhelden mal anders.

Rezension

chronicle-1Viel beworben, ja dem gewohnheitsmäßigen YouTube-Gucker kaum zu entgehen, ist der Film Chronicle. Da der zudem durch Hollywood finanziert wurde, waren Syno und ich geradezu misstrauisch. Unsere Vermutung: Es geht ja nur um drei Jugendliche mit plötzlichen Superkräften, von denen einer wegen etwaiger Hassanfälle in allgemeine Weltzerstörungswut verfällt. Auch der Found-Footage-Stil, der in Blairwitch Project innovativ war, erschien uns über Cloverfield bis hin zu Trollhunter bereits ein wenig verbraucht. Aber all diesen Bedenken zum Trotz ist Chronicle ein wirklich gelungener Film, der zwar kein ungewöhnliches Erzählgerüst aufweist, dafür aber sehr gut zeigt, dass es auch auf das Wie ankommen kann: wie nämlich das abstrakte Gerüst konkret mit Geschehen gefüllt wird.

Chronicle erzählt von den drei Jugendlichen Matt, Steve und Andrew (Alex Russel, Michael B. Jordan, Dane DeHaan) die Superhero-Telekinese-Kräfte ausbilden und damit erst einmal eine Menge Unsinn treiben, der die ungleichen Freunde aneinander schweißt. Nachdem sich die Drei in ihren neuen Fähigkeiten ausprobiert haben, beginnen sie ihre Kräfte gezielt einzusetzen, um ihren Beliebtheitsgrad in der Schule zu steigern: ein schmaler Grad, auf dem zu balancieren, gerade für Andrew eine Herausforderung ist. Denn frei nach Sam Raimis Spiderman (2002): Aus großer Macht folgt große Verantwortung. Zorn und Hass verführen Andrew ähnlich wie Anakin Skywalker in Star Wars zum Machtmissbrauch, doch hier nicht in märchenhaft-undurchsichtiger und wenig tiefgehender Manier, sondern ziemlich realitätsnah. Andrews Vater ist Trinker, seine Mutter schwerkrank und bettlägerig. Als zurückhaltende, wenig selbstbewusste Person wird Andrew in der Schule schikaniert und zuhause von seinem alkoholisiertem Dad heruntergeputzt, angeschrien und geschlagen, ohne dass seine Mutter zu seiner Verteidigung eingreifen kann. Derart ist somit nicht nur Andrews Persönlichkeit durch seine Herkunft, sondern auch der Fortgang der Handlung determiniert. Sozial und psychisch in die Enge getrieben, ist Andrew, emotional und rational nachvollziehbar, zum finalen Amoklauf gezwungen: Der Unterdrückte holt zum Sucker Punch aus. In dieser Weise verzichtet der Film auf simple Schwarzweiß-Malerei.

chronicle-2Das Besondere an Chronicle ist die Zeit, die sich der Film mit der Entwicklung der Handlung lässt. Sei es das limitierte Budget oder die gewollte Sparsamkeit an groß angelegten Special Effects, diese Tatsache jedenfalls macht die Telekinese-Fähigkeiten besonders und nicht zu austauschbaren Plotholes, die als Effekt-Zünder fungieren. Der Handlungsbogen fühlt sich erstaunlich natürlich und plausibel an, was das fulminante Ende umso cineastischer werden lässt. Mit der Intensität der Konflikte wächst der Zündstoff für Effekte, was nicht heißt, dass vor dem Finale nicht ab und an welche eingemischt werden. Dass ein Weg von Highschool-Problemen wie Respekt unter Gleichaltrigen und Dates mit Mädels schließlich der Übergang ins Superhelden-Genre gewagt wird, ohne dass sich diese krasse Entwicklung irgendwie unecht anfühlt, zeichnet Chronicle aus. Deutlich ist zu spüren, wie der Teenager-Witz über den Film hinweg abnimmt und an seine Stelle schließlich der Ernst der Konfrontation von Chaos und Ordnung tritt, beide verkörpert durch einen der plötzlich mächtigen Jugendlichen. Ihre Freundschaft wird auf die Probe gestellt werden. Ein wirklich guter und abwechslungsreicher Unterhaltungsfilm, der bewusst zwischen den Genres springt und im Crossover das alte Spiel von Macht und Verantwortung neu inszeniert.

Zuletzt sei noch erwähnt, dass sich in Chronicle eine storyfreundliche Aufweichung des Found-Footage-Stils zeigt. Durch die Idee, dass zur Telekinese fähige Figuren die begleitende Kamera auch durch ihre besondere Befähigung lenken können, kann auf gestalterischer Ebene neben wackelnder Handkamera auch wieder auf geschmeidige Kamerafahrten zurückgegriffen werden. Genial einfach, trotzdem stimmungsvoll und vor allem ästhetisch ansprechend.

Der Film kommt am 19. April in Deutschland in die Kinos.

 

Trailer zu Chronicle

Letzte Änderung amFreitag, 21 Juni 2019 19:17
Edvard Solstad

Edvard schreibt über Horror und Phantastik, deren literarische Formen ihn am meisten interessieren.

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„Ich habe den ganzen Kosmos mit meinem Schädel zerkaut! Ich habe gedacht, bis mir der Speichel floß. Ich war logisch bis zum Koterbrechen. Und als sich der Nebel verzogen hatte, was war dann alles? Worte und das Gehirn.“

Gottfried Benn