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„Blair Witch“ – Erschreck mich, aber bitte nicht zu sehr

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Blair Witch ist Found-Footage-Grusel für ein breites Publikum, das den Schrecken explizit macht, aber an das Original von 1999 nicht heranreicht.

Rezension

Adam Wingard und Simon Barret sind mit Blair Witch im Mainstream-Horror angekommen. Die Fortsetzung des Kultfilms The Blair Witch Project (1999) spielte schon am Eröffnungswochenende fast doppelt so viel ein, wie er gekostet hat, insgesamt mehr als das Vierfache. Wingard und Barret sind bekannt dafür, dass sie als eingespieltes Team aus Regisseur und Drehbuchautor gute Filme anfertigen, etwa A Horrible Way to Die (2010), You’re Next (2011) oder The Guest (2014). Während A Horrible Way to Die ein schwieriger und nachdenklicher Film über die Beziehung eines Serienmörders zu seiner Frau ist, die nach dessen Flucht aus dem Gefängnis in ständiger Bedrohung lebt, erfindet You’re Next als harter und zugleich humoriger Slasher sein Genre neu. The Guest ist erneut ein ernster Film. Ein Home-Invasion-Szenario, bei dem ein Soldat den Platz des toten Sohns in dessen Familie einnimmt. So gelungen die Idee von The Guest auch ist, am Ende des Films ist bereits eine Verwässerung des Stils erkennbar, die sich mit zunehmend kommerzieller Ausrichtung zu verstärken scheint. Dass Windgard und Barret Blair Witch machen wollten, weckte dennoch hohe Erwartungen in unserer Redaktion, die der Film mit dem großen Namen allerdings nicht erfüllen konnte.

BW1Drei Jumpscares hintereinander, dazu ein wenig Ekel und in die Luft schießende Zelte ergeben noch keinen guten Horrorfilm, im Gegenteil: die Inszenierung des Schreckens wirkt größtenteils beliebig und bisweilen albern. Man kann sich ruhig wundern, was aus der Hexe geworden ist, die ihr Unwesen im Black Hills Forest treibt. Neuerdings reißt sie Bäume wie ein Bigfoot um und kontrolliert Killerzelte, die Angst und Schrecken verbreiten. Und damit es für die sensationslüsternen Hobbyfilmer keinen Ausweg aus dieser unwillkürlichen Spaßhölle gibt, wirft sie diese in ein Raum-Zeit-Paradox. Das hätte ja noch eine interessante Erweiterung des Stoffs sein können, wäre da nicht dummerweise auch die psychologische Tiefe des Szenarios auf der Strecke geblieben und zu einer Aneinanderreihung von Schreckmomenten verflacht. Nicht nur sind die Figuren äußerst platt und stereotyp, sie neigen auch zu logischen Fehlern, die an ihrer Glaubwürdigkeit zehren. Niemand weiß, warum eine am Bein verletzte Frau, die kaum laufen kann, auch noch auf einen Baum klettert – und das, obwohl Bäume für Bigfoot kein Hindernis sind.

Man möchte meinen, die Filmemacher hätten ein möglichst breites Repertoire an klischeehaften Horror-Effekten abfeuern wollen, um jeden Geschmack irgendwie ein bisschen zu treffen. Leider ist dieses kunterbunte Knallwerk erzählerisch völlig unmotiviert. Es geschieht einfach. Man darf sich wirklich wundern, warum jemand eine Fortsetzung dreht, dabei aber die schlüssige Mythologie des Originals ruiniert, an die man anschließen möchte. Angesichts dieser befremdlichen Neuinterpretation des Blair-Witch-Stoffs muss die Frage erlaubt sein, ob unter dem Deckmantel einer Fortsetzung nicht tatsächlich ein Reboot der Serie durchgeführt wurde. Schon die Titelwahl legt ein Reboot nahe, der einem neuen Massengeschmack zusagen und das Original durch ein zeitgemäßes Setting aktualisieren soll. „Erschreck mich bitte, aber nicht zu sehr!“ ist dessen neues Motto.

BW2Wohlgemerkt, die Kritik richtet sich nicht gegen den Versuch, den Stoff neu auszudeuten und zu modernisieren, sondern gegen die Verflachung des Schreckens, der damit einhergeht. Auch der unliebsame zweite Teil, Book of Shadows: Blair Witch 2 (2000), ging einen neuen ästhetischen Weg und floppte deswegen beim Publikum. Das mag daran liegen, dass der Film die Erwartungen nicht erfüllte BW3und, statt seinen Vorgänger zu wiederholen, eine eigene Geschichte schuf.

Das war aus ästhetischer Sicht sinnvoll, weil nicht darauf zu hoffen war, die Wirkung eines Kunstwerks durch eine Nachahmung wiederholen zu können. Obwohl Blair Witch 2 sinnvoll an die Handlung des Vorgängers anknüpfte und sogar dessen medialen Hype abbildete, war er wohl zu anders, um zu gefallen. Hingegen Blair Witch gibt sich den Anschein, wie das Original zu sein, und kopiert dabei nur das Setting, um es dann zugrunde zu richten.

Ästhetisch stark und vom Schrecken her intensiv wird Blair Witch erst zum Ende, wenn es die Überbleibsel der Gruppe um James (James Allen McCune) in ein verlassenes Haus verschlägt. Dieses hatte der junge Mann verzweifelt gesucht, nachdem er im Internet zufällig über ein Found-Footage-Video gestolpert ist, welches seine vor 20 Jahren verschwundene Schwester Heather (Heather Donahue) angeblich genau dort zeigt. Ihre Geschichte erzählt The Blair Witch Project. Was nun James in diesem Haus erwartet, sei mal dahin gestellt. Die Inszenierung einer Flucht durch enge Gänge aus der Ego-Perspektive heraus funktioniert allerdings großartig und gibt dem Film plötzlich einen ganz anderen Flair, der ein wenig an das Horrorgame Resident Evil VII erinnert, nur viel rasanter ist. Hier wird das Potenzial einer paradoxen Raum-Zeit-Konstellation gekonnt für die Etablierung einer krassen Verstörung von Figuren und Zuschauer eingesetzt.

Für Wingard und Barret geht das Filmgeschäft in dieser Weise mit Remakes weiter, denn schon das nächste ist angekündigt: die Neuverfilmung des gnadenlos harten I Saw the Devil (2010) aus Korea. Das ist schon jetzt schade, weil der Film erstens kein Remake nötig hat und zweitens ein eigentlich begnadetes Filmduo ihr Potenzial nicht auf eigene Ideen richten kann.

Trailer zu Blair Witch

Infokasten

„Blair Witch“

Regie: Adam Wingard

Drehbuch: Simon Barrett

Produzent: Lionsgate

Laufzeit: 89 Minuten

Verleih: Studiocanal

Kanada | USA 2016

Letzte Änderung amMontag, 05 März 2018 10:47
André Vollmer

Schriftsteller, Kritiker und Gründer von Mellowdramatix; Studierter (Literatur- und Sprachwissenschaft, M.A.); am Meer geboren. Auf Twitter als er selbst: @avllmr.

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