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Essays & Aufsätze

Seriendramaturgie in „Chilling Adventures of Sabrina“

Schriftzug der Serie Netflix Schriftzug der Serie

In Folge 11, A Midwinter's Tale, hängen die primären Konflikte zusammen und erzeugen so eine geschlossene Geschichte. Aber ist das deswegen schon gut gemacht?

Beobachtung, Gedankenskizze, Kommentar, Essay

Eine wichtige Grundlage für eine erzählerisch gelungene Geschichte, aber sicherlich nicht die einzige, ist der Konflikt, den die Hauptfiguren einer Geschichte lösen müssen. Etwas steht ihren Interessen entgegen und dieses Hindernis müssen sie aus dem Weg räumen, um erfolgreich sein zu können. Die Frage, ob sie es schaffen und wie sie es schaffen werden, kann das Interesse derjenigen wecken, die diese Geschichte erzählt bekommen. Und überwinden die Hauptfiguren schließlich den Konflikt, wirkt ihr Erfolg ansteckend auf die Zuhörer:innen (oder Zuschauer:innen, Leser:innen, Spieler:innen usw. – je nachdem in welchem Medium die Geschichte realisiert wurde). Möchte man also unterhaltsam erzählen, sollte die Geschichte zumindest einen Konflikt aufweisen. An der jüngst erschienen Weihnachtsfolge von Chilling Adventures of Sabrina mit dem Titel Chapter Eleven: A Midwinter's Tale habe ich eine Seriendramaturgie beobachtet, die sogar auf mehr als einen Konflikt setzt. Das ist nicht ungewöhnlich, aber dennoch interessant an einem konkreten Beispiel zu beobachten und zu skizzieren, insbesondere unter einer bestimmten Fragestellung, wie nachfolgend geschehen.

Was ist wichtiger für die Qualität einer Geschichte: Geschlossenheit oder Wahrscheinlichkeit der Handlung?

An den Anfang dieses Essays stelle ich eine Leitfrage, die sich strenggenommen erst aus meinen Beobachtungen ergeben hat und die ich in diesem Text nur thesenhaft beantworten kann:

Betrachtet man die Wirkung einer Geschichte in Hinblick auf ihre erzählerische Qualität, was ist dann wichtiger? Die Geschlossenheit der Handlungoder die Wahrscheinlichkeit der Handlung? Könnte man sagen, dass eine Geschichte in Teilen unwahrscheinlich sein darf, wenn sie dadurch in sich geschlossen wird? Wäre das besser oder schlechter für die Qualität der Geschichte? Und wäre – je nachdem, wie man diese Frage beantwortet – also eventuell das dramaturgische Prinzip der Geschlossenheit für die Wirkung einer Geschichte wichtiger als die Wahrscheinlichkeit der Ereignisse, die diese Geschichte schildert?

Zunächst kurz erläutert, was ich mit Geschlossenheit und mit Wahrscheinlichkeit meine. Geschlossenheit bedeutet für diesen Essay, dass eine Geschichte in sich stimmig ist und sich aus sich selbst heraus entwickelt. Ihre Einzelteile folgen nicht lose aufeinander, sondern gehen auseinander hervor. Eine Geschichte hat Anfang, Mitte, Ende und alle drei Teile sind aufeinander bezogen. Eine solche Geschichte ist durch ihre internen Bezüge in sich verwoben. Mit Wahrscheinlichkeit wiederum meine ich, dass die Geschichte so, wie sie dargestellt wird, tatsächlich passieren kann, bei phantastischen Geschichten unter der Annahme, dass es das jeweils Phantastische einer Geschichte tatsächlich gäbe und sich in einer Weise verhält, die man für wahrscheinlich hält. Wahrscheinlichkeit meint auch eine stringente Plausibilität des Geschehens und damit, dass die Ereignisse logisch auseinander hervorgehen. An dieser Stelle berühren sich Geschlossenheit und Wahrscheinlichkeit, denn eine logisch stringente und damit plausible Geschichte erweckt einen zusammenhängenden Eindruck. Sie wirkt, als gehe sie aus sich selbst hervor.

Also: Ist die Geschlossenheit einer Geschichte wichtiger für ihre erzählerische Qualität als ihre Wahrscheinlichkeit? Absolut betrachtet kann man diese Frage direkt mit einem Nein beantworten, da eine so unwahrscheinliche Geschichte vorstellbar wäre, dass deren Handlung auch dann unglaubwürdig und letztlich unsinnig würde, wenn sie in sich geschlossen bliebe. Man würde eine solche Geschichte noch als Geschichte erkennen, aber sie für unsinnig oder nicht ernst gemeint halten, für Trash vielleicht.

Relativ gesehen ist die Frage, ob für die erzählerische Qualität einer Geschichte deren Geschlossenheit oder deren Wahrscheinlichkeit wichtiger ist, allerdings nicht so einfach zu beantworten, etwa wenn man sie in dieser Weise neu formuliert:

Könnte es sein, dass das dramaturgische Prinzip der Geschlossenheit bis zu einem gewissen Grad wichtiger für die erzählerische Qualität einer Geschichte ist als deren Wahrscheinlichkeit?

Mit der Betrachtung der Konflikte, die Triebfedern der Handlung sind, bin ich dieser Frage am Beispiel von A Midwinter’s Tale nachgegangen.

Die Konflikte in A Midwinter's Tale

Um welche Konflikte es in A Midwinter's Tale geht und wie diese zusammenhängen, möchte ich zunächst kurz schildern. Es gibt Nebenhandlungen, von denen ich an dieser Stelle nur zwei kurz erwähne. Zum einen versucht die junge Hexe Sabrina (Kiernan Shipka) mithilfe von Zauberei ihrem ehemaligen Freund Harvey Kinkle (Ross Lynch) zu helfen. Dieser weist die Hilfe aber zurück, weil sie auf Zauberkräften beruht. Zum anderen bittet Sabrina ihre Freundinnen, die keine Hexen sind, an einem magischen Ritual teilzunehmen, einerseits weil Sabrina dies nicht allein durchführen kann, andererseits weil sie ihre Freundinnen an ihrem Leben teilhaben lassen will. Abermals trifft sie auf Ablehnung. Beide Erzählstränge betreffen einen übergeordneten Konflikt der Serie, bei dem es um die Unvereinbarkeit zwei gegensätzlicher Welten geht, zu denen Sabrina gehört: die Welt der Hexen und die der Menschen. Neben den für die Weihnachtsfolge primären Konflikten existiert also bereits ein alter, nach wie vor ungelöster Konflikt, der Stimmung und Geschehen der gesamten Serie maßgeblich mitbestimmt und daher auch in dieser Folge erneut aufgegriffen wird. Es ist der zentrale Konflikt der Serie. In der nachfolgenden Analyse lasse ich ihn weitgehend außen vor.

Zwei weitere Konflikte bestimmen die Handlung von A Midwinter's Tale, von denen einer ebenfalls aus früheren Geschehnissen resultiert sowie ein zweiter, der erst in dieser Folge aufkommt. Zum einen beabsichtigt Sabrina, dem Geist ihrer verstorbenen Mutter Diana (Annette Reilly) zu helfen, von dem sie aus einer früheren Folge weiß, dass er ruhelos im Nimbus umherwandert, in einer Welt, die zwischen dem Jenseits und dem Diesseits liegt. Da es sich um ihre Mutter handelt, möchte Sabrina den Geist in einer Séance beschwören und ihn darüber befragen, wie sie ihn schließlich zur Ruhe bringen könne (Konflikt A). Ein zweiter Konflikt entsteht durch eine konkrete Bedrohung, als Sabrinas Freundin Susie Putnam (Lachlan Watson) in die Fänge eines Dämons (Brian Markinson) gerät, der Kinder entführt und sie in Wachs gießt, offenbar um ihre Seelen einzufangen und aus ihnen Puppen zu machen (Konflikt B).

Handlungsverlauf und Konfliktentwicklung

Beide Konflikte werden nacheinander und zunächst unabhängig voneinander zu Beginn der Episode aufgeworfen. Da Sabrina nichts von der dämonischen Bedrohung weiß, folgt sie zunächst ihrer Bestrebung, dem Geist ihrer Mutter zu helfen. Ihr Konfliktlösungsversuch mittels einer Séance stellt eine Grenzüberschreitung dar, zu der Sabrina aufgrund ihrer Zauberkräfte fähig ist und die sie typerweise begeht, auch wenn andere Figuren ihr davon abraten, wie in diesem Fall ihr Cousin Ambrose Spellman (Chance Perdomo). In zweierlei Hinsicht überschreitet Sabrina eine Grenze: eine metaphysische und eine soziale. Denn zum einen überwindet sie die Barriere von Diesseits und Jenseits sowie zum anderen die eines Gebots. Sabrina scheint es nicht explizit untersagt zu sein, eine Geisterbeschwörung durchzuführen, da diese aber gefährlich ist, wäre es ratsamer gewesen, sich hierfür die Hilfe von erfahrenen Hexen einzuholen. Sie handelt also eigenmächtig und geht ein großes Risiko ein. Wie sich herausstellt, hätten ihre Tanten Zelda und Hilda (Miranda Ottound und Lucy Davis) Sabrina sogar geholfen, da die junge Hexe ihrer Mutter, also einem Mitglied der Familie Spellman, helfen wollte. Aufgrund früherer Grenzübertretungen und deren Konsequenzen ist Sabrina allerdings davon ausgegangen, dass Zelda und Hilda ihr nicht helfen und stattdessen die Séance schlicht untersagen würden. Kurzum, Sabrinas Versuch den Konflikt zu lösen, verschiebt diesen zunächst nur. Der Geist von Sabrinas Mutter wird zwar beschworen, aber verschwindet als die Séance gestört wird. Diese Störung verursacht einen neuen, dringlicheren Konflikt, nicht ohne die manipulative Mitwirkung der Antagonistin Mary Wardwell (Michelle Gomez), die ein Scheitern der Séance beabsichtigt (Auflösung von Konflikt A auf später verschoben).

Ohne dass ich weiter auf das Wie und Warum eingehe, ist die Konsequenz der Séance eine gefährliche Heimsuchung: Geisterkinder spuken durch das Haus (Konflikt C). Diesen Erscheinungen Herr werden kann nur die Hexe Gryla (Heather Doerksen), die sie erschaffen hat. Wie es Hexen in Chilling Adventures of Sabrina möglich ist, wird Gryla von Zelda und Hilda heraufbeschworen. Eine anfänglich bedrohliche Begegnung zwischen Sabrinas Tanten und der Hexe entschärft sich vorerst in einem gemeinsamen Umtrunk. Gryla willigt ein, ihre Geisterkinder einzufangen und mitzunehmen (Auflösung von Konflikt C). Dummerweise entdeckt Gryla, kurz bevor sie abreist, dass sich ein Neugeborenes in dem Haushalt befindet, und beansprucht dieses für sich (Konflikt D). Durch einen raffinierten Zaubertrick wird die Hexe allerdings getäuscht. Sie glaubt, das Baby mitgenommen zu haben, hält aber tatsächlich nur einen verzauberten Teddybären in den Armen, was sie erst daheim in den Bergen bemerken wird (Auflösung von Konflikt D). Bei diesem Trick hilft Sabrina der Geist ihrer Mutter, der nicht in den Nimbus zurückgekehrt ist.

Jetzt erfahren Sabrina und ihre Tanten, dass Susie Putnam von einem Dämon entführt wurde (Konflikt B) und hetzen diesem die Hexe Gryla auf den Hals, die aufgrund ihrer Hintergrundgeschichte nicht zulassen kann, dass Kinder gequält werden, und daher sofort mit aller Macht einschreitet, hierfür sogar außer Acht lässt, dass sie von Sabrina und ihren Tanten getäuscht wurde. Sie bannt den Dämonen und Susie Putnam ist gerettet (Auflösung von Konflikt B). Eine weitere Konsequenz der Begegnung mit Gryla ist, dass der Säugling, den diese Hexe entführen wollte, nicht länger in Zeldas Obhut bleiben kann und weggegeben wird. Wessen Kind es ist und weshalb es sich überhaupt bei Zelda befunden hat, ist an dieser Stelle ein Nebenstrang der Handlung, den ich vernachlässige. Der Konflikt um das Baby ist damit jedenfalls endgültig beendet (Auflösung von Konflikt D wird nachhaltig verstärkt). Abschließend wird in einer Begegnung zwischen Sabrina und dem Geist ihrer Mutter angedeutet, dass letzterer nun Frieden finden wird. Ursache für die Unruhe des Geistes war sein Unwissen darüber, ob Sabrina eine liebende Familie um sich hat oder nicht. Der gesamte Handlungsverlauf bis hierhin hat dem Geist aber gezeigt, dass dies der Fall ist (Auflösung von Konflikt A).

Die Konfliktstruktur

Diese Zusammenschau der Konflikte und Konfliktauflösungen in A Midwinter's Tale zeigt, dass diese wie folgt ineinander verschränkt sind. Die Auflösung des ersten Konflikts (bzw. der Versuch einer Auflösung) führt unmittelbar in den nächsten Konflikt und dessen Auflösung wiederum in einen weiteren Konflikt – und so weiter (Staffelung der Konflikte A, C und D). Diese Kette aus Konflikt und Auflösung setzt sich fort, bis sie schließlich bei einem zweiten, eingangs aufgeworfenen Konflikt außerhalb dieser Ereigniskette angekommen ist und diesen ebenfalls auflöst (Konflikt B). Es liegt also sowohl eine Verkettung der Konflikte vor als auch am Schluss der Handlung eine Zusammenführung von Konflikten, die nicht derart verkettet sind.

Somit sind alle primären Konflikte aufgelöst, die sich unmittelbar aus der Handlung der Episode A Midwinter's Tale ergeben. Nicht aufgelöst wurden übergeordnete und wieder aufgegriffene Konflikte, abgesehen von Konflikt A (der ruhelose Geist von Sabrinas Mutter). Die Unvereinbarkeit von Hexen- und Menschenwelt besteht weiter (zentraler Konflikt der Serie). Interessant ist an dieser Stelle zu erwähnen, dass die Nebenhandlung mit Sabrinas Exfreund Harvey Kinkle, in dem jene Unvereinbarkeit thematisiert wird, nicht einfach offenbleibt, sondern mit der Darstellung einer expliziten Nicht-Auflösung des Konflikts endet. Harvey will partout keine Magie um sich und gibt Sabrina am Ende der Folge symbolträchtig das Weihnachtsgeschenk zurück, das er von ihr erhalten hat: verzauberte Bleistifte, die niemals abnutzen. Das kann sicherlich als eine Art Cliffhanger verstanden werden, der Staffel 2 vorbereitet.

Geschlossenheit der Handlung als eine Folge der Konfliktstruktur

Mit Hinblick auf die Beantwortung der eingangs gestellten Leitfrage stellt sich mir zunächst die Frage: Welches Ziel verfolgt ein Drehbuchautor, wenn er zwei Konflikte wie eine Rahmung aufwirft (Konflikte A und B), um alle weiteren Konflikte so zu staffeln, dass sie schließlich von dem einen Konflikt zum anderen führen (Konflikte C und D)?

Zum einen trägt ein solcher Aufbau zur Spannungserzeugung bei. Man überlege, zuerst werden zwei Konflikte aufgeworfen, von denen der eine zwei weitere Konflikte auslöst, derweil der andere die gesamte Folge über existiert und sich bis zum Ende hin intensiviert, indem zwischendurch gezeigt wird, was mit Susie Putnam und dem Dämon geschieht. Zum anderen wirkt die Handlung durch diesen Aufbau in sich geschlossen. Denn eigentlich ist jeder Konflikt samt seiner Auflösung in A Midwinter's Tale eine kleine Geschichte für sich, jeweils mit Anfang, Mitte und Ende, aber sowohl durch die Verkettung als auch die Zusammenführung ebendieser Konflikte entsteht der Eindruck, dass auch die Episode insgesamt eine zusammenhängende, aus sich selbst hervorgehende Geschichte mit Anfang, Mitte und Ende ist. Sie wirkt rund, weil sich der Hauptstrang der Handlung (Konflikte A, C, D) schließlich mit dem losen Ende verbindet (Konflikt B) und so die Geschichte von A Midwinter's Tale zu einem Abschluss bringt. Dass Konflikt B aufgelöst wird, indem eine Figur involviert wird, die erst im Verlauf vorangegangener Konfliktlösung in die Handlung eingeführt wurde (die Hexe Gryla aus Konflikt C und D), gibt der Handlung etwas Organisches, in sich Verwobenes. Gleiches gilt für den Geist von Sabrinas Mutter, der in Konflikt A in die Handlung tritt und schließlich bei der Auflösung von Konflikt D hilft. Die Konflikte erscheinen durch diese Querverweise stärker miteinander verschränkt, sie bilden eine nachvollziehbare, mehr oder minder wahrscheinliche Ereigniskette von Anfang bis Ende.

(Un-)Wahrscheinlichkeit der Handlung als zweite Folge der Konfliktstruktur

Gemessen an der Wirklichkeit, wie wir sie alltäglich erleben, ist die Zusammenführung der Konfliktkette A, C, D mit Konflikt B eher ein zufälliger. Denn dass hier, wie beschrieben, ausgerechnet die Auflösung der einen Konflikte zur Auflösung eines anderen führt, obwohl sie bis zu ihrer Auflösung nichts miteinander zu tun haben, erscheint recht zufällig und daher unwahrscheinlich, letztlich sogar künstlich („gewollt“). Denn wie ist es zu erklären, dass auf der einen Seite ausgerechnet ein kinderjagender Dämon auftritt und auf der anderen eine Hexe, die Kinder beschützt? Dass sich die Konflikte derart perfekt auflösen, mutet doch wie ein großer Zufall an.

Ein ambitionierter Drehbuchautor könnte nun zu Recht einwenden, dass man es sich hier sehr einfach gemacht hat, gerade weil man die Wahrscheinlichkeit des Geschehens ein wenig überstrapaziert. Übt jener Drehbuchautor diese Kritik, dann folgt er vermutlich einer ästhetischen Regel, der zufolge eine Geschichte umso glaubhafter wird, je wahrscheinlicher sie ist. Es geht hierbei nicht zwingend darum, ob zum Beispiel die Hexe Sabrina zaubern kann oder nicht. Dass es keine Zauberei gibt, ist unbestritten. In einem Subgenre der Phantastik ist Zauberei allerdings möglich und daher im Bereich des Möglichen und sogar Wahrscheinlichen, also unproblematisch. Nein, es geht darum, wie sich die Handlung Stück für Stück entwickelt und ob etwas in dieser Entwicklung der Ereignisse existiert, dass die gesamte Komposition unwahrscheinlicher macht – so wie eben der Fakt, dass zufällig eine Konfliktlösung zur nächsten führt, wie am Ende von A Midwinter's Tale geschehen.

Was also ist für die erzählerische Qualität wichtiger? Überwiegt die Geschlossenheit der Handlung hierbei deren Wahrscheinlichkeit?

Nun zur Beantwortung der Leitfrage: Was ist wichtiger für die erzählerische Qualität einer Geschichte, die Geschlossenheit oder die Wahrscheinlichkeit der Geschichte?

Meine These wäre, dass die Wirkung einer in sich geschlossenen Geschichte deren mögliche Unwahrscheinlichkeit bis zu einem gewissen Grad aufwiegt, und zwar aus folgenden Gründen, die sich aus meinen subjektiven Erleben und Beobachten ergeben:

In der ersten Sichtung von A Midwinter's Tale erschien mir die Handlung der Folge trotz einer gewissen Unwahrscheinlichkeit rund, bedingt durch die Tatsache, dass die aufgeworfenen Konflikte, wie gesagt, erstens auseinander hervorgehen und zweitens am Ende zusammenlaufen. Die begleitende Reflexion, die ich mit Ende der Sichtung fortgeführt und in einer zweiten Sichtung intensiviert habe, durchstieß den Eindruck der ungebrochenen Wahrscheinlichkeit zwar, aber im Wesentlichen blieb die Handlung plausibel. Obwohl die Einbindung von Konflikt B eher unwahrscheinlich erscheint (siehe oben), ist er dennoch in die Handlung fester eingebunden als etwa die oben kurz angeführten Nebenhandlungen, deren übergeordneter Konflikt „Hexenwelt versus Menschenwelt“ innerhalb der Handlung von A Midwinter's Tale für sich steht. Sie wirken daher ein wenig „außen vor“ und erscheinen nur deshalb nicht fehl am Platz, weil sie in der globalen Konfliktstruktur der Serie eingebunden sind, also in vorherigen Episoden bereits aufgegriffen wurden. Wäre A Midwinter's Tale nicht Teil einer Serie, also eine alleinstehende Geschichte, hätte ein Drehbuchautor, der auf Geschlossenheit setzt, sicherlich ebendiese Nebenhandlungen weggestrichen, gerade weil sie so „außen vor“ sind.

Warum aber erscheint der Konflikt B trotz seiner randständigen Position eingebundener als die Nebenhandlungen? Vielleicht, weil er an die übrige Konfliktstruktur angebunden wurde, wie oben geschildert. Dagegen bilden die Nebenhandlungen ihre eigene Konfliktstruktur. Und warum täuschte mich diese Eingebundenheit zunächst über die Unwahrscheinlichkeit dieser Einbindung hinweg? Womöglich weil die Geschlossenheit einer Geschichte sogar ihre Glaubwürdigkeit unterstützt, obwohl sich, wie oben dargelegt, bei genauerem Hinsehen durchaus Fragen an die Wahrscheinlichkeit der Geschehnisse ergeben können.

Das ist eben der Punkt: Sofern man denn genauer hinsieht. Diese Bemerkung ist nicht als Kritik an heutigen Sehgewohnheiten zu verstehen, sondern verweist darauf, dass wir hier möglicherweise auf einen erzählerischen Kniff hereinfallen. Solange wir eine Handlung nicht bewusst rational hinterfragen, also genauer betrachten, was vorliegt und wie es verknüpft ist, sondern uns den Wirkungen der Geschichte unvoreingenommen hingeben, macht ihre Geschlossenheit sie glaubwürdiger, weil sie mehr wie ein Ganzes wirkt, auch wenn die Verbindungen ihrer Einzelteile unwahrscheinlich bleiben. Das könnte erklären, warum dem einen Logiklücken aufstoßen und dem anderen nicht – oder warum diese überhaupt erst bei einer zweiten Sichtung auffallen. Vielleicht erklärt es, warum es überhaupt Logiklücken gibt. Womöglich werden sie in Kauf genommen, um eine Geschlossenheit der Geschichte zu erreichen, auch wenn dafür ihre Wahrscheinlichkeit leidet (darauf hoffend, dass es niemandem auffällt oder sich niemand daran stößt).

Falls diese These überhaupt haltbar ist, dann gelten die Zusammenhänge, die mit ihr beschrieben werden, sicherlich nur graduell, das hieße: Ab einem bestimmten Punkt wird eine Geschichte so hanebüchen, dass selbst die Geschlossenheit der Handlung sie nicht mehr vor dem Eindruck der Unwahrscheinlichkeit retten kann. Aber selbst dann könnte die Geschlossenheit der Handlung möglicherweise wie ein Kontrapunkt in der Schilderung einer sonst absurden Geschichte wirken.

Angenommen, meine These würde sich bewahrheiten, dann ließe sich daraus die praktische Regel für (Drehbuch-)Autoren ableiten, dass eine gewisse Unwahrscheinlichkeit des Geschehens tolerierbar ist, solange die Konfliktstruktur die Geschlossenheit der Geschichte unterstützt (zum Beispiel durch die Verkettung und Zusammenführung der Konflikte). Somit überwöge eine formale Gestaltung der Handlung, nämlich die Anordnung und Verbindung der Konflikte, die inhaltliche (qualitative) Forderung nach der Wahrscheinlichkeit der Handlung.

Das alles ist natürlich spekulativ, daher im Konjunktiv geschrieben, aber als Überlegung sicherlich bemerkenswert. Wie gesagt, ich schildere ein subjektives Beobachten und Erleben, auf deren Basis ich Vermutungen anstelle, die in keiner Weise endgültig sind (zumal kulturell und zeitlich gebunden ist, was als „erzählerisch gelungen“ gilt). In diesem Zusammenhang könnte man direkt weiterfragen, ob die Geschlossenheit einer Geschichte nur deshalb wichtiger als ihre Wahrscheinlichkeit erscheint, weil wir an die Geschlossenheit von Geschichten gewöhnt sind, gewissermaßen weil wir von Kindesbeinen an tagtäglich mit kulturindustriell verfertigten Geschichten bombardiert und durch diese auf Geschlossenheit geeicht werden. Oder man könnte sich fragen, ob die Bevorzugung der Geschlossenheit etwas Fundamentaleres ist, eine zeitlose und kulturübergreifende Formel menschlichen Erzählens.

Im Übrigen wären die Verkettung und Zusammenführung von Konflikten sicherlich nicht die einzige erzählerische Technik, wenn es darum geht, eine geschlossene, in sich verwobene bzw. aus sich selbst heraus entstehende Handlung zu schaffen. Sie sind lediglich Ergebnisse meiner Beobachtung, subjektive Entdeckungen, wenn man so will, die gewiss längst von jemandem notiert wurden. Mindestens eine weitere Technik wendet A Midwinter’s Tale an: die thematische Verschränkung. Denn es geht in der Episode um Weihnachten als Zeit der Familie, weshalb passend dazu der Konflikt mit Sabrinas Mutter aufgegriffen wird, weshalb Geisterkinder und kinderstehlende Dämonen auftreten, weshalb Probleme mit Freundinnen und Exfreunden aufgeworfen werden usw. Doch angemerkt sei, dass diese thematische Verschränkung nicht die Unwahrscheinlichkeit eines kinderstehlenden Dämons aufwiegen kann, der durch eine kinderbeschützende Hexe gebannt wird. Es bleibt meines Erachtens ein großer Zufall.

Exkurs: Kritik an A Midwinter's Tale – Konfliktstruktur versus Erzähltempo

Die eigentliche Schwäche von A Midwinter's Tale liegt nicht bei der Wahrscheinlichkeit des Geschehens. Wie eingangs erwähnt, sind die Konflikte nur eines von vielen Kriterien für eine erzählerisch gelungene Geschichte. Auch die Ausführung der Konfliktlösung und, damit verbunden, das Erzähltempo sind wichtig. Es leuchtet ein, dass die Erzählgeschwindigkeit entweder zunimmt, je mehr Konflikte bei unveränderter Erzählzeit abgehandelt werden, oder stark schwankt, weil bestimmte Konflikte anderen gegenüber bevorzugt und ausführlicher erzählt werden.

Man kann A Midwinter's Tale in diesem Kontext vorwerfen, dass die finale Auflösung des Konfliktes, der von Anfang besteht (Konflikt B), sehr hastig und geradezu holterdiepolter geschieht. So kurz vor Schluss der Episode verbleibt nicht mehr ausreichend Erzählzeit. Folglich wird das Erzähltempo angezogen, wodurch ein Ungleichgewicht entsteht. Mit welchem Recht werden die Auflösungen der Konflikte A, C und D so ausführlich geschildert, aber die von Konflikt B so eilig? An diesem Ungleichgewicht des Erzähltempos kann man sich ästhetisch stoßen. Es wirft allemal die Frage auf, warum es den Konflikt mit dem Dämon (Konflikt B) in A Midwinter's Tale überhaupt geben muss. Natürlich, er trägt zum Spannungsaufbau bei und bedient das zur Veröffentlichung aktuelle Weihnachtsthema, da der kinderstehlende Dämon im Kostüm eines Weihnachtsmannes auftritt und in seiner ganzen Art und Weise an den Krampus erinnert, der freilich nur freche Kinder bestraft und nicht bloß solche, die in seiner Wachsfigurensammlung noch fehlen. Doch wenn die Ausführung der Konfliktlösung, die viel Potenzial gehabt hätte, darunter leidet, dass die festgelegte Erzählzeit einer Episode nicht ausreicht, dann bleibt am Ende das dumpfe Gefühl zurück, einer leeren Spannung aufgesessen zu sein. Sie ist deswegen leer, weil sie von Beginn an aufgebaut, aber zum Schluss nicht zufriedenstellend gelöst wird, gewissermaßen hat das ihr zugrundeliegende Geschehen einen Anfang und ein Ende, aber die Mitte ist dürftig geraten, geradezu sporadisch nurZudem kommt die Verarbeitung des erlebten Schreckens reichlich kurz (Reflexionsebene). Der Figur Susan Putnam wird nicht die nötige Zeit dafür eingeräumt. Aber vermutlich werden diese Geschehnisse in der zweiten Staffel das Verhältnis zwischen Sabrina und ihrer Freundin Susan Putnam beeinflussen. Zumindest wäre dies wünschenswert.

Die zackige Auflösung von Konflikt B ähnelt insgesamt einem Cliffhanger, der in den ersten Minuten der nächsten Episode ganz lapidar aufgelöst wird und dann keine Rolle mehr für den weiteren Handlungsverlauf spielt. Die ohnehin zweifelhafte erzählerische Wirkung des Cliffhangers ist in einem solchen Fall auf seine reine Funktion reduziert: auf die Motivierung des Zuschauers zum Wiedereinschalten bzw. in Zeiten des Streamings auf das ununterbrochene Weiterschauen (binge-watching). Ähnliches ließe sich über den kinderstehlenden Dämon sagen (Konflikt B), der nur zwischendurch und am Ende der Episode eine klitzekleine Rolle spielt, als sollte er die Spannung noch zusätzlich hochhalten.

Bei so einem Spannungsverlauf wird plötzlich ganz deutlich, was die Hexe Gryla gefühlt und gedacht haben muss, als sie entdeckte, dass sie anstelle des Babys einen Teddybären in ihren Armen hält. Vielleicht dachte sie: Alles nur ein Zaubertrick!

 

Infokasten

Chilling Adventures of Sabrina“, Folge 11: Chapter Eleven: A Midwinter's Tale

Schöpfer: Roberto Aguirre-Sacasa, Donna Thorland

Regie: Jeff Woolnough

Drehbuch: Roberto Aguirre-Sacasa, Donna Thorland

Laufzeit: ca. 50 Minuten

Produzent: Warner Bros. Television

Verleih: Netflix

USA | 2018

Bildrechte: Die Bilder dieses Artikels sind Ausschnitte aus dem besprochenen Medieninhalt. Deren Rechteinhaber können Sie dieser Infobox entnehmen.

Letzte Änderung amDonnerstag, 07 März 2019 11:57
Edvard Solstad

Edvard schreibt über Horror und Phantastik, deren literarische Formen ihn am meisten interessieren.

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"Games introduced us to a symbiotic relationship with machines that we took for granted."

(aus Gordon Calleja (2011) In-Game, S.2)