log in

Comics

„Monstress: Das Blut“ (Band 2) – Die Monster im Menschen

Empfehlung Cover (Ausschnitt) Cross Cult Cover (Ausschnitt)

Monstress ist Dark Fantasy für Erwachsene. Nicht wegen Krieg, Gewalt und Trauma, die darin Thema sind, sondern wie tiefgründig und virtuos damit verfahren wird.

Rezension

Die steampunkige Märchenwelt von Monstress ist seit einem verheerenden Krieg zweigeteilt, was am offensichtlichsten dort wird, wo eine nahezu endlose Mauer die bekannte Welt in zwei Reiche trennt: in eines der Menschen und in eines, das die Arkanen bewohnen. Halb Fabelwesen, halb Mensch sind die Arkanen die Nachfahren eines alten Volkes, das sich in ihrer Liebe für die Menschen mit ihnen verband und so Mischwesen ins Leben rief, die im Menschenreich abfällig Halbbrut genannt werden. Dort haben die Hexennonnen, Cumea mit Namen, so sehr an politischem Einfluss gewonnen, dass sie das rituelle Blutwerk, das sie an den Arkanen verüben, als religiöse Handlung legitimieren können. Seither weiden die Zauberrinnen die Andersartigen aus, um aus ihnen den Quell ihrer Macht zu gewinnen, eine Art magisches Substrat, das sie Lilium nennen. Mitunter war dies der Grund, so erzählen es die Dichter, warum es zum Krieg zwischen Menschen und Arkanen gekommen sei, ein von Gräueltaten und Zerstörung geprägter Akt, auf den Rassenhass, politische Machtkämpfe und Versklavung folgten.

Abenteuerreise und Identitätsfindung

monstress2 leseprobe 1In dieser düsteren Märchenwelt hat das Grauen Einzug gehalten, ein Grauen nach dem Vorbild realer Untaten, wie sie die Geschichtsschreibung vielfach kennt. Und in ebendieser Welt begibt sich die 17-Jährige Maika Halbwolf auf eine abenteuerliche Reise zu dem Ursprung ihrer Identität. Über das Leid der Kriegswirren vergessen, wer sie ist, versucht Maika, auf den Spuren ihrer Mutter wandelnd, eines herauszufinden: Was hat sie zu der Frau gemacht hat, die sie heute ist? Maika ist eine Arkane, so viel ist klar. Man sieht es ihr allerdings kaum an. Das hat ihr nicht nur auf Seiten der Menschen, sondern auch unter ihresgleichen Anfeindungen eingebracht. Ohnehin hat Maika als kleines Mädchen schon miterlebt, was Krieg und Hass bedeuten. Sei es die harte Erziehung ihrer Mutter, das Töten im Kampf oder schließlich das Sklavenlager, das sie eins lehrte: Zu überleben hat seinen Preis.

In Band 2 ist Maikas neues Ziel auf der Suche nach der Wahrheit die Knocheninsel, die ihre Mutter einst aufgesucht hat und von der man sagt, sie sei aus den Überresten eines gefallenen Gottes entstanden, eingeschlossen von weißem Nebel, in dem die Geister derjenigen noch heute schreien, die nicht wieder herausgefunden haben. Dort brauchbare Informationen zu finden, hat Maika bitter nötig. Denn etwas hat sie im Krieg verändert, das nun erwacht ist und Besitz von ihr ergreifen will: ein vieläugiger Dämon oder uralter Gott, der mit ihrem Fleisch verbunden ist und in ihren Gedanken flüstert. Nicht nur spielt Maikas Mutter im Zusammenhang mit diesem Wesen eine entscheidende Rolle, alle Welt – menschliche wie arkane Autoritäten – suchen deshalb nach der Frau, keineswegs mit durchweg guten Absichten.

Überzeugende Figuren: Innerlich zerrissen und weder gut noch böse

Wie viele Figuren aus Monstress ist auch die Hauptfigur Maika Halbwolf eine schwierige, aber sehr gelungene ambivalente Gestalt, und zwar im doppelten Sinne von Ambivalenz: sowohl mehrdeutig als auch zerrissen. Sie ist weder gut noch böse, ist zugleich Gejagte und Jägerin, ist Opfer von Krieg, Versklavung und Rassenhass, aber auch ein Monster, das durch seine nächtlichen Gräueltaten selbst zum Täter wird. Maika ist deutlich vom Krieg gezeichnet, wünscht sich einerseits zu erfahren, wer sie ist und wer ihre Mutter war, und geht hierfür sogar durchs Feuer. Andererseits ist sie gänzlich desillusioniert und trotz ihrer Sinnsuche phasenweise geradezu nihilistisch, was sie immer wieder zu selbstmörderischen Manövern verführt. Entsprechend schnoddrig ist ihr Tonfall oft und desto weniger macht sie sich aus den moralischen Erwägungen anderer.

Monstress10 Doch damit nicht genug, das Grauen in Maika zwingt sie sogar zur Selbstverstümmelung, die sie bereits zu Beginn von Band 1 den linken Unterarm gekostet hat. Es ist der dämonenhafte Gott, dies innere Ungetüm, das dergleichen Opfer fordert und Maikas Monstrosität verkörpert – was sicherlich auch metaphorisch als der Schrecken des Krieges zu deuten ist, der sich in der jungen Frau manifestiert. Zugleich ist dieser Dämon eine selbstständige Figur, die Maikas Charakter spiegelt: So wie sie ein Mensch (oder menschähnliches Geschöpf) ist, in dem das Monströse aufkeimt, so ist der Dämon ein Monster, in dem das Menschliche aufscheint. Derart wird dieses fremdartige Wesen wie Maika auch zu einer spannenden Figur mit vielschichtigem Charakter. In inneren Dialogen tritt es mit Maika in Kontakt und rekonstruiert gemeinsam mit ihr die Vergangenheit, ebenfalls dazu genötigt, die eigenen Erinnerungen aus der Vergessenheit zu befreien. Visualisiert wird dies in Rückblenden, die Maika zusammen mit dem Dämon begeht und so zur Betrachterin der eigenen Vergangenheit, aber auch der des Dämons wird. Geschickt zeichnet der Comic so die Hintergründe sowohl der Figuren als auch der erzählten Welt. Es bleibt mit Spannung abzuwarten, wie diese aneinandergebundenen Figuren sich im Verlauf der künftigen Handlung noch entwickeln werden.

Mutter und Tochter: „Ich will dir gefallen. Selbst im Tod bin ich dein.“

Je mehr über Maikas Vergangenheit offenbart wird, desto deutlicher wird, dass diese Erzählung sich auch um die Verbindung von Mutter und Kind dreht: „Nach dem Krieg vergaß ich alles… außer dass ich deine Tochter war… und das ist kein Trost mehr. Ich will dir gefallen. Selbst im Tod bin ich dein“, so Maikas bittere Gedanken. Die problematische Beziehung zu ihrer Mutter überträgt Maika auf ihre Freundschaft zu einem kleinen Fuchsmädchen, das zu ihr aufblickt und, nebenbei bemerkt, mit ihrer gutmütig-hoffnungsvollen Art immer wieder für Lichtblicke sorgt. So hart, wie Maikas Mutter ihre Tochter behandelte, so hart behandelt nun Maika ihre Freundin, sodass sich die Frage stellt, ob die Protagonistin ihr Schicksal – jetzt selbst in einer Art Mutterrolle –  wiederholen wird oder ob es ihr gelingen kann, einen eigenen Weg zu finden. Dieses in dieser konkreten Ausprägung durchaus weibliche Thema verbindet sich mit einer feministisch geprägten Darstellung der erzählten Welt. In Monstress sind es überwiegend weibliche Figuren, die wichtige Positionen in der Erzählwelt einnehmen oder die für die Handlung entscheidend sind. Selbst Nebenfiguren sind viel häufiger weiblich als männlich. Wer sich hieran stört, sieht nicht, dass dieses Verhältnis in den meisten Fällen genau andersherum ist.

Monstress08 Neben überzeugenden Figuren, guten Dialogen und einer Welt mit glaubhafter Tiefe, die sorgfältig und mit vielen Details aufgebaut wird, ist Monstress aber auch eine wunderbar komplexe Erzählweise gelungen. Schon Band 1 beginnt in medias res und eröffnet augenblicks mit dem Grauen einer Sklavenversteigerung. Die eigentliche ‚Hauptware‘, um die gefeilscht wird: die splitterfasernackte Maika mit einer Kette um den Hals, die sie gefügig machen soll. Erst im Anschluss entwickelt der Comic durch Rückblenden, wie es zu dieser Lage gekommen war, und fesselt den Leser, der erfährt, dass dies offenbar zu einem Plan Maikas gehört. Zugleich wird damit gespielt, ob das Ganze eine gute Idee oder doch nur wieder eine selbstmörderische Aktion von Maika ist. Ein weiterer Kniff: Maikas reflektierende Gedanken, die dem Leser fortwährend in Textboxen mitgeteilt werden, durchbrechen die rein äußerliche Darstellung eines Comics und schließen dem Leser die Innenwelt der Protagonistin auf. Da diese Gedanken parallel zum Geschehen geäußert werden, tritt eine Emotionalisierung des Gezeigten ein und lässt den Leser oft unwillkürlich Maikas Perspektive einnehmen. Überhaupt ist die Erzählweise nicht nur tiefgründig und bewegend, sie ist auch immer wieder mit kleinen poetischen Weisheiten gespickt.

Aus Schrecken destillierte Schönheit

Zu Monstress haben die amerikanisch-chinesische Autorin Marjorie Liu unter anderem die Erzählungen ihrer Großeltern inspiriert, die das Elend des Krieges in China aus erster Hand erlebt haben. Das schreibt Liu in einer Art Nachwort zum ersten Band des englischsprachigen Originals. „In their stories surviving was more horrifying than dying“, schreibt Liu dort. „Surviving required a desire to live more powerful than any bomb or army, a summoning of superhuman resilience to keep going, day after day.“ Dieser Einfluss wird in Monstress sehr genau spürbar. In den staunenswerten Zeichnungen von Sana Takeda und durch Lius erzählerisches Gespür Kunst geworden, hat sich das reale, von Menschen erfahrene Grauen von der Wirklichkeit abgelöst und in einer phantastischen Erzählung verallgemeinert. Der Genuss, den ein Leser aus der Lektüre dieses Comics ziehen kann, ist die aus dem Schrecken destillierte Schönheit, wie sie insbesondere die Kunst ermöglicht.

monstress2 cover1

Infokasten

„Monstress, Band 2: Das Blut“ (OT: Monstress, Volume 2: The Blood)

Geschichte: Marjorie Liu

Illustration: Sana Takeda

Übersetzung: Michael Schuster

Sprache: Deutsch

Verlag: Cross Cult

USA | 2017

 Ab 16.08.2017 als Taschenbuch im Handel.

Letzte Änderung amDonnerstag, 16 November 2017 16:14
André Vollmer

Schriftsteller, Philologe und Journalist (Germanistik & Skandinavistik, M.A.)

Schreibe einen Kommentar

Unter anderem auch das

„Ich habe den ganzen Kosmos mit meinem Schädel zerkaut! Ich habe gedacht, bis mir der Speichel floß. Ich war logisch bis zum Koterbrechen. Und als sich der Nebel verzogen hatte, was war dann alles? Worte und das Gehirn.“

Gottfried Benn