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Romane

„Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten“, ein Abgesang auf den Menschen

Buchcover Suhrkamp Buchcover

Emma Braslavskys Roman entwirft eine düstere Zukunftsversion, in der Androiden die besseren Lebenspartner sind, weil sie unsere Sehnsüchte bedingungslos spiegeln.

Rezension

Die Welt, die Emma Braslavskys in ihrem Roman Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten schildert, ist der unseren sehr nah und zugleich unendlich fern, denn ein wesentlicher Unterschied trennt sie von der unsrigen: die Erforschung und Entwicklung von Robotik und Künstlicher Intelligenz sind so weit fortgeschritten, dass der künstliche Mensch Realität geworden ist – etwas, das wir trotz allen Marketings aus dem Technologie-Sektor womöglich nie erreichen werden, zumal wie in Braslavskys Fiktion als massenmarkttauglicher Android, der seinem Besitzer als perfekter Liebespartner dienen soll. Doch wer weiß? Die von Braslavsky entworfene Dystopie ist eine geistreiche Vorausschau, die eine Lektüre wert ist, insbesondere weil sie uns den Spiegel vorhält. Die Androiden lehnen sich in diesem Roman nicht gegen ihre Erschaffer auf, sondern verändern sie und ihr Verhalten so wie bisher alle Technologie, die sich durchsetzt, schlicht indem sie gut, vielleicht zu gut funktioniert. Daher inszeniert diese Dystopie keinen Weltuntergang durch außer Kontrolle geratene Maschinen wie Terminator (1984) oder I am Mother (2019). Hier findet keine Verwüstung des Planeten, sondern eine der zwischenmenschlichen Beziehungen statt.

Während am Berliner Himmel vollautomatisierte Drohnen ihre Runden drehen und die Post ausliefern, sind in den Wohnzimmern der Menschen die künstlichen Beziehungspartner eingezogen. Sie erfüllen ihrem Gegenüber alle Bedürfnisse, sodass dessen narzisstischer Selbstentfaltung keine Grenzen mehr durch die Bedürfnisse eines Partners aus Fleisch und Blut gesetzt sind. Trotz dieses vermeintlichen Paradieses steigt die Suizidrate, und zwar derart drastisch, dass die Bestattungskosten den öffentlichen Haushalt zunehmend belasten. Diese Kosten könnten und müssten Verwandte übernehmen, doch diese sind immer schwieriger ausfindig zu machen, vor allem wenn die Uhr tickt. Denn spätestens nach zwei Wochen müssen die Verstorbenen beerdigt worden sein und, bevor sie beerdigt werden können, müssen sie identifiziert und die Kostenübernahme gesichert sein – sonst tritt der Staat ein.

Um die Ermittlungen zu beschleunigen, wird daher erstmals eine autonom agierende Androidin als Sonderermittlerin eingesetzt – Roberta Köhl, die sich unter ihren menschlichen Kolleg*innen allerdings erst beweisen muss. Entsprechend kassiert sie nicht nur Häme, weil sie als Frau entworfen wurde und in einem männlich dominierten Berufsfeld tätig ist, sondern auch, weil man sie leicht als Automaten abstempeln kann.

Roberta betrachtete ihr Spiegelbild. […] Ihr Brustkorb hob und senkte sich gleichmäßig. Ihr Hals hatte Altersfalten, Jahresringe, die auf Lebenserfahrung hindeuten sollten. Sie nahm die perfekte Asymmetrie ihrer Brüste wahr, die linke Brust war etwas kleiner als die rechte. Bescheidene Speckrollen legten sich um die Hüften. Sie zupfte an ihrem brünetten Shag-Haarschnitt und ertastete die braunen Löckchen zwischen den Beinen, die als biblischer Busch nur vortäuschten, ein feuchtes Sakrament zu bewachen, sie beschirmten eine Lust, die ihr nicht einprogrammiert war.

Dass Braslavsky eine Androidin als Protagonistin für ihren Verwaltungskrimi wählt, ist aus vielen Gründen gelungen. Ihr Dasein als künstlicher Mensch macht Roberta zu einer hervorragenden Beobachterin der menschlichen Gesellschaft, weil sie diese weitestgehend von außen betrachten kann. Mitunter führt das zu skurrilen, aber nachvollziehbaren Einschätzungen. Ausgestattet mit der Aufgabe, wie ein Mensch zu sein, entwickelt die Androidin zudem das Bedürfnis nach Identität. Allerdings ist sie nach ihrer Aktivierung noch ohne persönliche Erinnerung und ohne echte Erfahrung, obwohl ihr Speicher mit allen verfügbaren Informationen gefüllt ist. Daher betrachtet sie die Menschen mit der Neugier eines Neugeborenen, das zugleich über ein voll ausgebildetes Denkvermögen verfügt. Roberta fragt aber sich nicht nur, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Zwangsläufig muss sie auch interessieren, was es bedeutet, eine Frau zu sein – nicht zuletzt, weil es ihre Ermittlungen betrifft, die teils behindert werden, weil sie nicht über ausreichend Macht verfügt und Macht in menschlichen Gesellschaften offenbar mit Geschlecht zu tun hat, wie sie feststellt. Die ersten Berliner Nächte, in denen Roberta durch die Menschenwelt streift, sind sehr eindringlich geschildert und mit vielen kontemplativen Passagen versehen, in denen Geschlechterrollen, Frau sein und der Verfall zwischenmenschlicher Beziehungen zu einseitigem Narzissmus diskutiert werden. Entfremdung, Vereinsamung und Desillusionierung der Menschen in Verbindung mit übermäßigem Rauschmittelkonsum werden deutlich.

Vor ihr liefen zwei halbwüchsige Mädchen in knallengen Hosen und mit langen, glatten, dunklen Haaren. Ihre Hintern wackelten hin und her, hin und her. Roberta beobachtete ihre Art zu gehen genau. Sie versuchte es ebenfalls. Als die beiden an einem Bistro vorbeikamen, bei dem die Fensterfront offen stand, pfiffen ihnen zwei junge Männer, die dort an einem Tisch saßen, hinterher, sie konnte ihre Blicke nicht von den prallen Arschbacken nehmen. Aber als Roberta vorbeischlenderte, passierte nichts, sie wurde ignoriert, sie war unsichtbar.

Abgesehen von Identitätsfragen hat Roberta den Todesfall von Lennard Fischer zu untersuchen und dessen Verwandte ausfindig zu machen, bevor die zweiwöchige Frist verstreicht. Notwendigerweise taucht die Ermittlerin dazu tief in Lennards Leben ein, der ein empfindsamer und begabter, aber leider glück- und erfolgloser Tauchlehrer und Künstler gewesen war. Hier zeigt sich, wie das System aus Erwartungshaltung und Erfolgsdruck, nach dem menschliche Gesellschaft zu funktionieren scheint, diejenigen nach und nach umbringt, die anders ticken und sich nicht anpassen, sei es, weil sie aus gutem Grund nicht wollen oder weil sie schlechtere Startbedingungen hatten und deshalb nicht können. Robertas Ermittlungen legen aber auch offen – und hier wird Braslavskys Humor deutlich –, dass selbst die fortschrittlichste künstliche Intelligenz mit einem Körper, der nahezu pausenlos arbeiten kann, letztlich an dem Wahnsinn deutscher Bürokratie scheitert, oder zumindest von dieser zu sehr unkonventionellen Maßnahmen getrieben wird. Neben Identitätssuche und Ergründung von Lennards Vergangenheit kommt hier ein weiteres Spannungsmoment hinzu: Wird Roberta Erfolg haben? Dabei geht es nicht nur um den konkreten Fall, sondern um die Androidin insgesamt. Wird Roberta also – gemessen an menschlichen Verhältnissen – den Verstand verlieren und sich an der scheinbar unlösbaren Aufgabe aufreiben, weil sie anders als ein Mensch nicht resignieren kann, sondern weiter funktionieren muss? Wird sie überhaupt eine kongruente Persönlichkeit entwickeln? Oder auf ihrer Suche nach Identität eine multiple Person werden, die sich aus den Informationen speist, die sie über die Toten sammelt? Wird sie sich wenigstens wie einprogrammiert an Recht und Ordnung halten? Oder schlummert auch in ihr ein kleiner Terminator?

Es war ja nicht so, dass die Standesbeamtin den Leichnam vor Ort beschaute, einmal nickte und dann sagte: Jawoll, der war mal am Leben, und jetzt ist er tot. Nein, sie wollte bloß Papier sehen. Urkunden im Original. Amtliches. Denn Ämter waren metaphysische Wesen, die Entscheidungen über Leben und Tod fällten. Diese Wesen waren wie Roberta: undurchschaubare Recheneinheiten, ausschließlich aus Informationen bestehend. Sie waren damit unsterblich und allmächtig, und daher glaubten Menschen offenbar, dass eine Standesbeamtin die Liebe zweier Menschen besser bescheinigen konnte als die Menschen selbst. Was war das Wort schon wert, dass ein Liebender dem anderen gab? Es führte jedenfalls nicht zu Steuererleichterungen.

Der dünne Roman Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten ist aus dem Near-Future-Projekt der ARD-Projekt der ARD entstanden, einer Sendereihe zu Themen der nahen Zukunft, zu dessen Begleit-Anthologie 2029 – Geschichten von morgen Braslavsky die Erzählung Ich bin Dein Mensch. Ein Liebeslied beigesteuert hat. Diese Erzählung – eigentlich eine Tragödie – ist von Maria Schrader als romantische Komödie für den Fernsehsender Das Erste verfilmt worden und steht auf der Shortlist für den 94. Oscar (in der Mediathek des Ersten verfügbar bis 22.03.2022; unsere Filmkritik). Während in Ich bin Dein Mensch. Ein Liebeslied das beengende Szenario einer Beziehung zwischen Mensch und Android inszeniert wird, die als technologischer Missbrauch durch den Menschen gelesen werden kann, öffnet Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten den Horizont und blickt auf Teile der Berliner Gesellschaft. Beide Geschichten finden in derselben Erzählwelt statt, es treten sogar teils dieselben Figuren auf. Der Roman vervollständigt den Abgesang auf zwischenmenschliche Beziehungen, dessen erste Strophe die Erzählung ist. Braslavsky zeichnet über beide Werke hinweg ein katastrophales Bild, in dem Mann und Frau genauso wie Eltern und Kind nicht mehr zueinanderfinden und sich folglich voneinander entfremden oder auf Maschinen zurückgreifen, die ihnen die individuelle Glücksfindung ermöglichen sollen. Sieht man davon ab, dass die Handlung bisweilen konstruiert wirkt und man häufiger den Eindruck hat, die philosophischen Einwürfe stammten eher von der Erzählinstanz als von Roberta, dass hier also erzählerische Ebenen vermischt werden, ist Braslavskys Roman sowohl intellektuell als auch sprachlich ansprechend und darüber hinaus spannend, feinfühlig und mit Humor erzählt. Gewarnt sei aber, wer partout einen stringenten Krimi erwartet; die Handlung macht Schlenker und nimmt sich Zeit für Betrachtungen.

Fazit: Mensch sein in einer entmenschlichten Welt

Emma Braslavskys Science-Fiction-Roman Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten (2019) ist nicht nur ein mit Humor erzählter Verwaltungskrimi, dessen Handlung bisweilen ein wenig konstruiert wirkt, er ist vielmehr noch die Identitätssuche einer intelligenten Maschine, die danach fragt, was es bedeutet, in einer Gesellschaft Mensch und Frau zu sein, in der sich das Individuum zunehmend in die persönlichen Befindlichkeitsräume zurückzieht und ein Zusammenleben ohne gegenseitige Entfremdung immer unwahrscheinlicher erscheint.

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Infokasten

„Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten“

Autor: Emma Baslavsky

Verlag: Suhrkamp

269 Seiten, Hardcover, Erstauflage

Deutsche Erstausgabe 2019 (Druck/Digital)

Bildrechte: Die Bilder dieses Artikels sind Ausschnitte aus dem besprochenen Medieninhalt. Deren Rechteinhaber können Sie dieser Infobox entnehmen.

Letzte Änderung amSonntag, 30 Januar 2022 18:39
André Vollmer

Schriftsteller. Forscher. Phantast. Am Meer geboren. Gründer von Mellowdramatix.

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„Das Recht zur Kritik ist, sozusagen, ein ästhetisches Naturrecht.“

– Hugo Dinger: Dramaturgie als Wissenschaft. Bd. 1. Leipzig 1904, S. 318.

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