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Film

„Nobody from Nowhere“ von Matthieu Delaporte

Filmplakat (Ausschnitt) Filmplakat (Ausschnitt)

Ein Mann ohne Persönlichkeit kennt nur eine Obsession: das Leben der anderen! Entsprechend nimmt er es sich und ersetzt die Personen, deren Dasein er begehrt.

Kurzrezension

Sébastien Nicolas ist ein Niemand. Ein Mensch, der sich unter seinesgleichen fremd und leer fühlt. Trifft er mit diesen ständig plaudernden, unentwegt lachenden Wesen zusammen, kommuniziert er mit ihnen durch eine Maske, metaphorisch weniger denn buchstäblich. Seine Maklerkollegen kennen ihn nur in Anzug und Trenchcoat, mit Aktenkoffer und Krawatte, Brille und schwarzem Haar. Doch das ist nur Scharade, eine Rolle, die Nicolas spielt. Abends streift er das Kostüm ab, setzt Brille und Perücke auf einen Puppenkopf und wird wieder ein Niemand, zu einem Mann ohne Persönlichkeit.

In Nicolas regt sich nur ein Interesse: die Obsession, das Leben anderer Menschen zu leben. Eifrig studiert er deshalb die Objekte seines makabren Theaterstücks, paukt ihren Sprachduktus, ihre Gangart, den Kleidungsstil bis zur perfekten Imitation und legt schließlich, in aufwändiger Handarbeit angefertigt, eine Maske an, die ihn auch optisch zum Ebenbild der Nachgeahmten macht, nur um für wenige Stunden im Apartment jener nichts ahnenden Menschen ebendiese bis ins Detail nachzuspielen. Als sich Nicolas allerdings einen in der Künstlerszene prominenten Violinisten für sein groteskes Schauspiel herauspickt, verändert sich etwas in seinem Leben. Erstmals darf er die Bewunderung, Ehrfurcht und Liebe anderer Menschen genießen – und sieht sich plötzlich mit der Verflossenen des Imitierten konfrontiert, die von ihm verlangt, ihrem gemeinsamen Sohn endlich ein Vater zu sein. Eine Familie hatte Sébastien Nicolas in der Tat noch nie. Ein großer Moment!

Warum ein Film wie Nobody from Nowhere auf dem Fantasy Filmfest 2015 läuft, liegt an dem weiten Begriff der Fantastik, den die Veranstalter des Festivals offenbar für ihre Filmauswahl gebrauchen, sinnvollerweise, um ein möglichst breites Spektrum zu bieten. Dieser brillante Film aus Frankreich könnte unter dem Kriterium des Fremdartigen ins Programm gerauscht sein, wohlverdient, da hier die Andersartigkeit der Hauptfigur – verkörpert von Mathieu Kassovitz – nicht nur verstörend, tragisch und bedrohlich wirkt, sondern auch sehr tiefblickend ist hinsichtlich der menschliche Seele im Allgemeinen, die der Film gewissenmaßen in Komplementärfarben auf die Leinwand bringt. Nur im Umkehrschluss verrät sich das Geheimnis.

Im Übrigen: Wer denkt, dass der Trailer zu Nobody from Nowhere alles über den Film verrät, ist der Narration bereits auf dem Leim gegangen. Matthieu Delaporte lässt diesen Thriller dank einer erstaunlichen Wendung in eine ungeahnte Geschichte umschwenken, die jederzeit eine gänzlich andere Richtung hätte einschlagen können. Eine großartige Erzählung über Menschlichkeit und den Sinn des Lebens, die das Thema von hinten aufzäumt, will sagen: es in fantastischer Manier und daher mit uns fremden Augen erzählt, auf denen sich, ebenso wie darin, das Menschliche spiegelt.

Trailer zu Nobody from Nowhere

Infokasten

„Nobody from Nowhere“ (OT: Un illustre inconnu)

Regie: Matthieu Delaporte        

Drehbuch: Matthieu Delaporte, Alexandre de La Patellière

Laufzeit: 118 Minuten

Produzent: Canal+, Ciné+ u.a.

Verleih: nicht in Deutschland erschienen

Frankreich | Belgien 2014

Letzte Änderung amMittwoch, 06 September 2017 12:55
André Vollmer

Schriftsteller, Kritiker und Gründer von Mellowdramatix; Studierter (Literatur- und Sprachwissenschaft, M.A.); am Meer geboren. Auf Twitter als er selbst: @avllmr.

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„Jahre waren es, da lebte ich nur im Echo meiner Schreie, hungernd und auf den Klippen des Nichts. […] Bis mich die Seuche der Erkenntnis schlug: es geht nirgends etwas vor; es geschieht alles nur in meinem Gehirn. Nun gab es nichts mehr, das mich trug.“

 Gottfried Benn