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Film

„My Friend Dahmer“ – Problematische Darstellung eines Serienmörders

Filmplakat und Filmszene (neu arrangiert) Filmplakat und Filmszene (neu arrangiert)

Die Comicverfilmung widmet sich den Jugendtagen eines bekannten Serienmörders. Sie kann wie eine Absolution der realen Untaten Jeffrey Dahmers gelesen werden.

Kurzrezension (Spoiler)

Dahmer 2My Friend Dahmer erzählt die Teenager-Zeit des berüchtigten Serienmörders Jeffrey Dahmer und ist eine Verfilmung der autobiografischen Graphic Novel von John ‚Derf‘ Backderf, der mit dem Protagonisten seiner Erzählung in die High-School gegangen ist. Dahmer (Ross Lynch) wird als ein andersartiger junger Mann dargestellt, schlaksig, blass und mit wippendem Gang, meist unbeteiligt und unzugänglich für soziale Interaktionen. Von Beginn als psychisch abweichend inszeniert, versucht die Figur Dahmer sich immer wieder in eine feindliche Umwelt aus oberflächlichen, teils offen drangsalierenden Teenagern einzufügen, aber wird gnadenlos abgewiesen. Die wenigen Freunde, die der Jugendliche in der Schule für sich gewinnt, sind eher von seiner Andersartigkeit und seinem schrägen Humor begeistert als tatsächlich von ihm und machen sich einen Spaß aus den Eskapaden, denen er sich hingibt. Niemand beachtet Dahmer; erst als er sich aufführt, als litte er unter einem Spasmus oder wäre psychisch zurückgeblieben, reagieren die Menschen mit Lachen. Aber wenigstens reagieren sie, weshalb er beginnt, über diese infantile Art mit den anderen zu kommunizieren – und, wie gesagt, einen kleinen Fanclub kann er so für sich begeistern.

Sehr deutlich zeichnet der Film Dahmers abstruse Neigungen und bietet teils auch Ursprünge dafür an: Der Jugendliche interessiert sich für Knochen, löst totgefahrene Tiefe in Säure auf, schlitzt Kleintiere auf, weil er sehen möchte, wie sie von innen aussehen. Dazu das schlechte Elternhaus und bald auch eine Alkoholabhängigkeit sowie die unerfüllte homosexuelle Lust, die auf blanke Abneigung stößt.

Dahmer 1

My Friend Dahmer hat eine Feel-Good-Atmosphäre, die immer wieder durch bizarre Momente gestört wird. Dabei baut der Film durchaus Sympathie für den Protagonisten auf. All dies macht dieses Werk äußerst schwierig, weil es – statt psychologische Hintergründe auszuleuchten – wie eine Absolution für die Untaten des realen Dahmers gelesen werden kann, der gestanden hat, 17 Männer ermordet zu haben, und hierfür in den USA verurteilt wurde. Bezöge sich der Film nicht auf ein reales Vorbild, sondern hätte eine fiktionale Figur entworfen, die keine direkten Referenzen zur Wirklichkeit aufweist, hätte der Film gut funktionieren können, vor allem weil dieser dann viel offener für weitere narrative Optionen gewesen wäre. Derlei Filme tragen ohnehin – und so auch die Vorlage – das (auto-)biografische Grundproblem vor sich her: Wie dicht ist die Fiktion an der Wirklichkeit? Oder wird hier Wirklichkeit erdichtet?

My Friend Dahmer ist die Coming-of-Age-Geschichte eines Andersartigen und Ausgestoßenen, die für sich genommen fesselnd sein kann, aber durch ihre unmittelbaren Referenzen zur Wirklichkeit ins Straucheln gerät. Es stellt sich die Frage, wie ein fiktionales Werk einem Stoff wie diesem gerecht werden kann, ohne zur Nebelkerze zu verkommen.

Trailer zu My Friend Dahmer

Infokasten

„My Friend Dahmer“

Regie: Marc Meyers

Drehbuch: Marc Meyers, Derf Backderf (Graphic Novel)

Laufzeit: 107 Minuten

Produzent: Michael Merlob, Jody Girgenti, Adam Goldworm

USA | 2017

Letzte Änderung amFreitag, 29 September 2017 14:51
André Vollmer

Schriftsteller, Kritiker und Gründer von Mellowdramatix; Studierter (Literatur- und Sprachwissenschaft, M.A.); am Meer geboren. Auf Twitter als er selbst: @avllmr.

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– Giacomo Leopardi