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Film

7. Schocktober: „Blade“ (1998)

Filmstill (Ausschnitt) New Line Cinema Filmstill (Ausschnitt)

Der erste Film, der coole Action und wirkungsvollen Horror miteinander verbunden hat. Bisher ist dies nur wenigen Filmen gelungen. Grund genug, Blade zu diskutieren.

Rezension

Blade ist ursprünglich eine Comicfigur. Er ist ein ambivalenter Superheld, halb Mensch, halb Vampir. Durch seine Menschlichkeit ist er nicht gefährdet, in der Sonne zu verbrennen, wodurch er auch am Tag durch die Straßen schreiten kann. Diese Eigenschaft hat ihm unter den Vampiren den Namen „Daywalker“ eingebracht. Der Name ist allerdings mit Furcht verbunden, wenn dieser ausgesprochen wird, denn Blade (Wesley Snipes) macht Jagd auf Vampire. Er hält diese für eine Bedrohung und hat sich zum Ziel gesetzt, diese Wölfe im Schafspelz zu vernichten.

Blade6Parallel zu unserer normalen Welt existiert eine verborgene, düstere Subkultur. Dieser begegnet man vielleicht gelegentlich, wenn man sich im Nachtleben herumtreibt. So geht es auch einem jungen Mann, der von seinem Date auf eine ungewöhnliche Party mitgenommen wird. Es handelt sich dabei um einen Rave in einem Schlachthaus. Am Siedepunkt der Party wird die Löschanlage gezündet und auf die tanzende Meute regnet es Blut herab. Spätestens jetzt können die anwesenden Vampire nicht mehr an sich halten und wollen sich am Blut laben. Die Gesichter verzerren sich zu dämonischen Fratzen, die Kreaturen fauchen und offenbaren ihre wahre Gestalt. Zum Glück für den jungen Mann taucht ein unglaublich cooler Typ auf, der mit Schuss- und Klingenwaffen den Feiernden einen Strich durch die Rechnung macht. Dieser Mann ist Blade, der wohl zugleich coolste Vampir und Vampirjäger in der Geschichte des Vampirmotivs.

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Während der Beat weiter durch die Anlage getrieben wird, dürfen die Zuschauerinnen und Zuschauer sich erstmals in einem Horrorfilm an einer exzellent choreografierte Actionsequenz erfreuen. Dabei zeigt Wesley Snipes, damals noch vollständig austrainiert und in der besten Form seines Lebens, warum er die perfekte Besetzung für diese Rolle ist. Die Ausstrahlung von Blade wirkt erdrückend, eine Person, die keine Zweifel an dem zulässt und absolut überzeugt von dem ist, was sie tut und kann. In dieser Sequenz wirkt Wesley Snipes wie ein Martial-Arts-Künstler, ein Meister seines Faches. Die Computereffekte waren zum Erscheinungszeitpunkt auf der Höhe der Zeit, dieser vielleicht sogar etwas voraus. Die meisten Effekte sehen auch heute noch gut aus, obwohl stellenweise deutlich erkennbar ist, dass hier mit computergenerierten Effekten gearbeitet wird.

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Blade nimmt sich zunächst nicht die Zeit, um Hintergründe oder Geschichten zu vermitteln. Die Exposition findet im Grunde ausschließlich auf der Präsentationsebene statt, der Monstration. Monstration bedeutet im dramaturgischen Sinne ein Herausstellen beziehungsweise Präsentieren von etwas, ohne dies direkt mit einer Geschichte zu verbinden. Die Eröffnungssequenz ergibt zwar aus dem später vermittelten Narrativ einen nachvollziehbaren Sinn, doch zunächst wird in dem Film rein auf audiovisuelle Stimmungsbilder gesetzt, die einen Eindruck davon schildern, wie ein normaler Mensch plötzlich auf einer Party für Vampire landet und mit den andersweltlichen Schrecken konfrontiert wird. Erst einige Zeit nach Blades erstem imposanten Auftritt wird der Film mit einer Narration versehen.

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Eine besondere Stärke an dem Werk ist die Vielschichtigkeit in der Inszenierung. Die Vampire sind kein einfaches Schlachtvieh und auch nicht unmotiviert böse. In der Geheimgesellschaft der Vampire gibt es einen Machtkampf zwischen Jung und Alt. Während die Alten den Schutz des Verborgenen zu nutzen wissen und dadurch hoffen, niemals so sehr mit den Menschen zu kollidieren, dass die Spezies in einen offenen Konflikt geraten, wollen die Jungen unter der Führung von Deacon Frost (Stephen Dorff) die Vormachtstellung ihrer Spezies gegenüber den Menschen. Dazwischen stehen Blade und seine Mitstreiter, die aus unterschiedlichen, aber immer persönlichen Gründen die Vampire aufhalten wollen. Blade steht hier als Kämpfer zwischen den Welten. Er ist angewiesen auf das Blut der Menschen, doch er kämpft gegen die Vampire. Der Charakter wirkt verbittert, kaltblütig und nihilistisch bis hoffnungslos. Der Konflikt mit den Vampiren verlangt ihm alles ab. In den zwei Stunden Laufzeit werden auch die Verbindungen der Figuren zueinander thematisiert und geschickt dramaturgische Nadelstiche gesetzt, die Blade treffen. So begegnet Blade beispielsweise seiner totgeglaubten Mutter, die jedoch auf der Seite von Frost steht, und verliert seinen Mentor und Mitstreiter Whistler (Kris Kristofferson), aber er findet auch Hoffnung. Durch das Überwinden seiner persönlichen Konflikte gelingt es Blade am Ende, siegreich zu sein und zu erkennen, dass sein Kampf nicht durch diese eine Schlacht beendet sein wird.

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Blade5Neben der dramaturgischen und audiovisuellen Qualität finden sich auch immer wieder klassische Horrorsequenzen in Blade, beispielsweise wenn Blade den möglicherweise fettesten Vampir der Filmgeschichte Pearl (Eric Edwards) mit einer UV-Lampe foltert. Jumpscares sucht man hier allerdings vergeblich. Dafür fließt jede Menge Blut und es gibt eine Vielzahl von Details, die eklig und schockierend wirken können.

Mittlerweile ist Blade 21 Jahre alt. Das Werk ist gut gealtert, da es von seiner originären Qualität nichts eingebüßt hat. Lediglich die Computereffekte wirken gelegentlich veraltet. Trotzdem ist Blade bis heute einer der coolsten Vampirfilme, die es gibt und kombiniert wie kaum ein anderer Film die Genres Action und Horror. Dem Marvel Cinematic Universe (MCU) wird bald eine neue Verfilmung von Blade hinzugefügt, die – angesichts bisheriger MCU-Werke – vermutlich einen komplexeren Kontext zur Marvel-Erzählwelt besitzen wird, als die bisherigen drei Filme und die Serie, die jeweils für sich stehen. In dieser Art scheint es möglich, Blade vollständig neu zu interpretieren, ohne dass die beiden Verfilmungen miteinander konkurrieren müssen.

Trailer zu Blade

Infokasten

„Blade“

Regie: Stephen Norrington

Drehbuch: David S. Goyer

Produktion: Amen Ra Films, Imaginary Forces, Marvel Enterprises, New Line Cinema

Verleih: Warner Home Video (DVD, Blu-ray, VoD), Kinowelt (Kino)

Laufzeit: 120 Minuten (uncut)

USA | 1998

Veröffentlichung: Der Film ist im Handel auf DVD, Blu-ray-Disc und als Video-on-Demand verfügbar.

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Letzte Änderung amDienstag, 08 Oktober 2019 16:42
Thomas Heuer

Dr. phil. Medienwissenschaft

Forscher, Fotograf, Filmemacher, Journalist, Gamer

Forschungsfelder: Immersionsmedien, Horror, vergleichende Mediendramaturgien, Game Studies, Medienethik und -philosophie

Abschlüsse: Medienwissenschaft M. A., Multimedia Production B. A., Facharbeiter Kommunikationselektronik

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„Fantasy is escapist, and that is its glory. If a soldier is imprisioned by the enemy, don't we consider it his duty to escape? If we value the freedom of mind and soul, if we're partisans of liberty, then it's our plain duty to escape, and to take as many people with us as we can!“

― J. R. R. Tolkien