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Film

„Frankenstein“ von Bernard Rose

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Die Menschheit ist das Monster. Bewegende Adaption von Mary Shellys Frankenstein-Roman

Das Monster des Dr. Frankenstein ist aus der Populärkultur nicht mehr wegzudenken. Zahllos oft wurde es in Film und Fernsehen, in Literatur und Comics verarbeitet, dass bald alle sich darunter etwas vorstellen können, selbst wenn sie den Roman, mit dem alles begonnen hat, nie in die Hand genommen haben: Mary Shellys Frankenstein or The Modern Prometheus, 1818 zunächst anonym veröffentlicht. Der von Menschenhand geschaffene Mann ist seitdem eine der immer wiederkehrenden Popikonen des Horrors geworden, Seite an Seite mit Dracula, dem Zombie, der Mumie und dem belebten Skelett. Vor diesem Hintergrund ist Bernard Roses Neuverfilmung des Erzählstoffs mit demselben schlichten, aber aussagekräftigen Titel ein gewagtes Unternehmen, das an der Konventionalität des Themas hätte scheitern können. Tatsächlich war eine Verfilmung aber selten so dicht am Original und zugleich so glaubhaft aktuell wie Roses Neuzugang zur Hybris des Menschen: seinesgleichen wie ein Gott zu erschaffen.

Im Fokus von Frankenstein steht die Fremdartigkeit des erschaffenen Mannes Adam (Xavier Samuel), der sich bald selbst, der Sprache kaum mächtig, Monster nennt. So schimpfen ihn die ersten Menschen, denen er begegnet. In die Welt gelassen wird Adam als makellos schöner Mann, der seine Augen aus perfekt gearbeitetem Glas erstmals in den High-Tech-Laboren öffnet. Die Sinneseindrücke, die auf seinen leeren Geist einprasseln, muss er erst noch sortieren, begreifen und zu benennen lernen. Im Publikum des Berliner Fantasy Filmfests 2015 kam es zu unwillkürlichen Lachern, weil es sicherlich befremdlich ist, einen erwachsenen Mann zu betrachten, der sich wie ein Kleinkind gebärdet, das über seinen Körper und dessen Funktionen allerdings nicht zu verfügen weiß, daher völlig unbeholfen und unentwickelt agiert. Gerade dieses groteske Wunder, das schon Shellys Roman beschreibt, ist mit viel Bedacht erzählt. Für die Wissenschaftler ist Adam eine Schönheit, selbst als sich herausstellt, dass ihnen ein Fehler unterlaufen ist, der in wenigen Tagen aus dem Engel eine gefallene Kreatur werden lässt, mit schauerlichen Hautverfärbungen und sich zunehmend destabilisierenden Zellen. In den Augen der Forscher ist Adam allerdings kein Mensch, lediglich ein bewundernswertes Werk, das sie endlich haben vollbringen können. Während der geschaffene Mann zunehmend unter seinem imperfekten Körper leidet, entschließen sich die Männer des Fortschritts dazu, das Experiment zu beenden. Adam soll sterben. In diesem Abschnitt der Handlung bringt lediglich Carri-Anne Moss als Dr. Frankensteins Ehefrau Emotionalität gegenüber Adam auf, sodass er sie bald – wohl instinktiv – als seine Mutter begreift, an die er sich noch klammert, als die Giftspritzen angesetzt werden.

Soweit die Exposition, die natürlich damit endet, dass Adam aus seiner Geburtskammer, die auch sein Gefängnis und seine Todeszelle ist, ausbricht und mit der Kraft von zehn Männern auf die Außenwelt losgelassen wird, die auf ihn mit Ekel und Unverständnis reagiert. Begleitet wird Adams Geburt und seine Schreckensodyssee von einem Ich-Erzähler, der passagenweise aus Shellys Roman zitierend Adams Innenleben schildert, das wiederum untermalt wird von teils sehr poetischen Bildern, die den Werdegang des menschengemachten Mannes und sein wachsendes Verständnis der Welt episodenhaft schildern. Bernard Roses Frankenstein ist kein Monsterfilm im klassischen Sinne, kein Trash- oder Popcorn-Kino, sondern von der ersten Minute an die Tragödie eines Subjektes, das unvollständig und unvorbereitet in die Welt entlassen wird. Aus der Angst des Nicht-Verstehen-Könnens, was Menschsein eigentlich bedeutet und erfordert, hinterlässt Adam eine Spur aus Toten. Gewalt bleibt oftmals der einzige Weg, sich mitzuteilen, und Gewalt ist es, mit der die Menschen am häufigsten auf ihn reagieren. Großartig ist Tony Todds Rolle als blinder Bluessänger, der zeitweilig zum Ziehvater Adams wird und hierbei die große Ausnahme darstellt. Als obdachloser Straßenmusikant ist er selbst ein Ausgestoßener der Gesellschaft, der sich unvoreingenommen um Adam kümmert. Diese wundervolle und bewegende Adaption einer der wichtigsten gothic novels ist ganz großes Kino in den Genres Horror und Fantastik!

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Trailer und Filminformationen auf der Webseite von Bernard Rose

Letzte Änderung amDienstag, 05 September 2017 14:20
André Vollmer

Schriftsteller, Kritiker und Gründer von Mellowdramatix; Studierter (Literatur- und Sprachwissenschaft, M.A.); am Meer geboren. Auf Twitter als er selbst: @avllmr.

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„Mit Hilfe der Askese soll es manchen Buddhisten gelingen, eine ganze Landschaft aus einer Saubohne herauszulesen. Das hätten die ersten, die Erzählungen analysierten, gerne gekonnt: alle Erzählungen der Welt (sie sind Legion) aus einer einzigen Struktur herauszulesen.“

Roland Barthes in S/Z

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