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Serie

Eli Roths „South of Hell“: Der Kampf einer besessenen Dämonenjägerin

Cover (Ausschnitt) Tiberius Film Cover (Ausschnitt)

Die düstere Thriller-Serie South of Hell über eine Besessene, die zur Dämonenjägerin wird, ist ungewöhnlich und überraschend – allerdings nicht auf ersten Blick.

soh 1Aus dem Übernatürlichen macht South of Hell keinen Hehl: Maria Abascal (Mena Suvari) ist besessen – ihr Dämon Abigail ein lüsternes, machthungriges Wesen, das zeitweise ihre Handlungen lenkt, aber gern die volle Kontrolle hätte. Die Zwei haben einen Deal: Abigail hilft Maria andere Dämonen auszutreiben, wenn sie, die mit der Hölle gebrochen hat, diese dafür verschlingen kann. Die Exorzismen sind für Maria nicht allein eine Lebensaufgabe, sie hält sich und ihren drogenabhängigen Bruder David (Zachary Booth) damit auch finanziell über Wasser – mal abgesehen von allerlei magischem Brimborium, den sie an ihrem Marktständchen verkauft.

David will eigentlich auf seine labile Schwester achtgeben, es ist sein Versprechen an sie, allerdings ist er durch seine Sucht nicht weniger labil als Maria, die jederzeit von Abigail heimgesucht werden könnte. Oft ist auf ihn kein Verlass – und so erzählt South of Hell auch die Geschichte zweier Geschwister, die sich zusammenraufen. Beide sind von der Vergangenheit gezeichnet: Ihr Vater Enos (Bill Irwin) war der spirituelle Führer der Weltuntergangssekte „Der Orden der Ewigkeit“, der im Feuer einer Polizeirazzia untergangen ist. Die Doktrinen der Sekte wirken bis ins Jetzt der Figuren nach. Maria und David sind nicht die einzigen, deren Schicksal mit der Sekte verwoben ist. Im Grunde haben alle Figuren ihre Dämonen, sei es im wörtlichen Sinne einer Besessenheit, die auf einem erfahrenen Leid oder einer Schwäche in der Psyche der Figur basiert, oder im übertragenen Sinne: die Dämonen der Vergangenheit, die auch den Priester Elijah Bledsoe (Lamman Rucker) einholen. Er ist neu in der Stadt und erkennt schnell, was mit Maria los ist; dennoch will er mit ihr zusammenarbeiten. Im Verlauf der Serie wird er für Maria zu einer Art Auftraggeber, der ihr die Fälle von Besessenheit zuträgt.

soh 2Hier sind wir schon mittendrin in der Welt von South of Hell und ihrer Ordnung. Zwischen Himmel und Hölle existiert ein klarer Gegensatz, der sich weitestgehend auch mit der gängigen Vorstellung von Gut und Böse deckt, aber: Für die Figuren gilt das nicht etwa für den Priester Elijah, der Marias Dämon für seinen „heiligen Krieg“ gegen die Hölle nutzt, wie er selbst sagt. Ebenso wenig für Tetra (Luna Lauren Velez), die mit dem Teufel im Bunde steht, seit sie ihre Seele in der Sekte verloren hat. Sie setzt ihre schwarze Magie nur noch selten und nicht mehr für die dunkle Seite ein, sondern zum Wohle der Ihren, die gegen das Böse kämpfen. Den Teufel zu hintergehen, ist jedoch nicht leicht – und alles hat seinen Preis.

South of Hell zeichnet durchweg schwankende Figuren. Sucht und Drogen sind ein starkes Thema; für die Figuren ein Weg, den Leidensdruck vergangener Traumata zu ertragen, zugleich ein Einfallstor für Versuchungen und Dämonen. Zunächst wirkt die Welt samt Figuren fast stereotyp, weil sie mit wenigen starken Eigenschaften gezeichnet wird und mich dadurch an das Comichafte erinnert hat. Durch jede Folge wird diese erste Zeichnung feiner konturiert, sodass manche Überraschung auf die Zuschauer wartet. Die Serie South of Hell ist anhand der ersten drei Folgen nicht zu beurteilen. Erst im Gesamtbild ergibt sich ihre Kraft. Man kann sogar mit triftigen Grund behaupten: Diese Serie treibt ihr böses Spiel mit dem Typenhaften und zieht so eine Ebene in das Werk, die nicht mehr nur die Figuren, sondern auch die Zuschauerinnen und Zuschauer betrifft – bis hin zu dem erstaunlichen und gewagten Ende.

Die Gesellschaftskritik in South of Hell ist ohne Umwege formuliert. Das Teuflische wird klar mit den auftretenden Sekten assoziiert, die verletzte und daher durchs Leben stolpernde Figuren in ihre Reihen rekrutieren wollen, um sie mit Dämonen zu infizieren und gleichzuschalten. Es scheint sogar so, als könnte „Der Orden der Ewigkeit“ wiederkehren – zusammen mit dem totgeglaubten Enos. Überhaupt wirft die Serie ihre Zuschauer in eine Welt, die schon eine lange Vorgeschichte hat, welche nach und nach aufgerollt wird. Währenddessen wächst die Bedrohung in Charleston, South Carolina durch Dämonen und Sekten, die sich offen mit der Kirche anlegen.

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Mit der Inszenierung der Dämonen verhält es sich genauso wie mit dem scheinbar Stereotypen und der vorgeblich klaren Ordnung der erzählten Welt. Das Dämonische erschien mir auf den ersten Blick klischeehaft (oder althergebracht). Es entwickelte dann aber einen passenden, eigenwilligen Flair: im Zentrum der Darstellung der Verfall. Besessene haben faulige Zähne, eine unreine, dunkelgeäderte Haut und ziehen Fliegen, Moskitos und Schmutz an, sie sind aggressiv, übermenschlich stark und widersetzen sich den Naturgesetzen. Ihre Augen leuchten grell gelb oder eisig blau, sobald der Dämon in ihnen hervorbricht.

Ungewöhnlich – das trifft South of Hell. Zugleich ungewöhnlich gut, einerseits wegen des Umgangs mit dem Typenhaften, andererseits durch plötzliche Raffungen des Geschehens, Auslassungen von Handlungssegmenten, mit denen ich nicht gerechnet habe. Das gibt der Serie eine ungeahnte Dynamik und lässt manche Handlungsabschnitte ein wenig „springen“, aber im guten Sinne. Es fehlt nichts Entscheidendes.

South of Hell ist ein übernatürlicher Thriller über eine besessene Dämonenjägerin. In einem nur scheinbar gewohnten Gewand entwickelt diese Serie Folge für Folge einen ganz eigenen düsteren Flair, sowohl stilistisch als inhaltlich.

Trailer zu South of Hell

Infokasten

„South of Hell“, Staffel 1

Regie: Eli Roth (Executive Producer), Jennifer Lynch, Ti West u.a.

Erschaffer: Matt Lambert

Laufzeit: 60 Minuten / 8 Folgen (1 Staffel)

Produzent: Sonar Entertainment

Verleih: Tiberius Film

USA | 2015

Veröffentlichung in Deutschland 02.11.2017 (DVD/Blu-Ray/Digital)

Letzte Änderung amDienstag, 19 Dezember 2017 20:23
André Vollmer

Schriftsteller, Philologe und Journalist (Germanistik & Skandinavistik, M.A.)

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„Das Wort Kunst bezeichnet [...] im engeren Sinne Ergebnisse gezielter menschlicher Tätigkeit, die nicht eindeutig durch Funktionen festgelegt sind. Kunst ist ein menschliches Kulturprodukt, das Ergebnis eines kreativen Prozesses. Das Kunstwerk steht meist am Ende dieses Prozesses, kann aber seit der Moderne auch der Prozess selber sein.“

– Wikipedia