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Erzählungen

„Das Café am Rande der Welt“ – Die Frage nach dem Warum

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John Streleckys „Erzählung über den Sinn des Lebens“ will mit Gemeinplätzen der Gesellschaftskritik und Lebensführung zum Nachdenken anregen. Wem hilft’s?

Rezension und Kommentar

Von den Strapazen des Alltags erschöpft will sich der Werbemanager John eine Auszeit gönnen und gerät, kaum auf dem Weg in den Urlaub, in einen kilometerlangen Stau. Eine Ausfahrt nehmend glaubt der gestresste Karrieremann die verstopfte Autobahn umfahren zu können. Doch er verirrt sich. Es wird spät und der Tank geht zur Neige. Schließlich gelangt John zu einem Café, in dem die Kellnerin Casey und der Koch Mike den vom Weg Abgekommenen nicht nur freundlich bewirten, sondern ihm außerdem drei essenzielle Fragen stellen, die sein Leben verändern und zu deren Beantwortung die „Erzählung über den Sinn des Lebens“ anregen will. Sie lauten: Warum bist du hier? Hast du Angst vor dem Tod? Führst du ein erfülltes Leben?

Das Café am Rande der Welt mündet nach dem sinnbildlichen Auftakt in eine dialogische Erzählstruktur à la Platon. Der Ich-Erzähler John unterhält sich während des Essens abwechselnd mit Casey und Mike, die ihm durch ihre Fragen und Erklärungen Denkimpulse liefern. Abgeschmeckt wird dieses Theorisieren über den Sinn des Lebens durch den Erfahrungsinput der Cafébesucherin Anne. Ohne einen konkreten Lebenssinn festzuschreiben, will die schnell gelesene Erzählung so die Leser:innen zur Reflexion ermuntern und ihnen Tipps geben, wie sie Sinn empfinden und glücklich werden können. Die drei Fragen dienen hierbei als Wegpunkte der Argumentation.

Ratgeberliteratur im seichten Gewand der Fiktion

Der belehrende Aufbau ist unverkennbar, zumal trotz der kurzen Kapitel jedes weitere mit einer Zusammenfassung von Johns bisherigen Erkenntnissen beginnt. Nur mühsam wird die Belehrung der Leser:innen durch eine phantastische Erzählkulisse kaschiert: Der vom Weg Abgekommene betritt ein geheimnisvolles Café, das Café der Fragen, welches aus dem Nichts auftaucht und dessen Personal den eintretenden Gast ohne Umschweife mit Fragen konfrontiert. Das ist literarisch dürftig inszeniert, wirkt aufgesetzt und verursachte mir sogar Fremdschämen, da ich derart intime Fragen nur in einer entsprechend vertrauensvollen Gesprächssituation für glaubwürdig halte, also nicht zwischen Cafébesucher und Kellnerin, aber sicherlich wie bei Platon zwischen Schüler und Lehrer. So erinnern Johns Gespräche auf sehr unangenehme Weise an die Anwerbegespräche einer Sekte auf Beutefang, insbesondere da der Autor und Coach für Lebensfragen John Strelecky seine Figuren nicht davor zurückschrecken lässt, Abkürzungen wie „ZDE“ für „Zweck der Existenz“ zu verwenden. Das wirkt denkbar unnatürlich, sodass man den Eindruck gewinnt, die Figuren säßen bereits in einem von Streleckys Coaching-Seminaren. Obwohl das nicht die Intention der Erzählung sein kann, fragte ich mich in der Lektüre daher zeitweilig, wo John da hineingeratet ist, und musste an verschiedene Horrorstoffe denken, die ähnlich beginnen.

Im Wesentlichen ist Das Café am Rande der Welt als Ratgeberliteratur im seichten Gewand der Fiktion zu verstehen. Die Erzählung dient schlicht der Vermittlung einer Idee oder Erkenntnis – kein Wunder, bedenkt man, womit ihr Verfasser sein Geld verdient. Inhaltlich kann Streleckys Erzählung allenfalls diejenigen überzeugen, die wie der Ich-Erzähler noch nie zuvor über ihr Leben oder das menschliche Leben an sich nachgedacht haben. In ihrem Ton ist die Erzählung daher hoffnungsstiftend, in ihren Ideen teils naiv. Denn die Erzählung wirbt für ein Leben, in dem der Mensch dadurch Erfüllung findet, dass er den Zweck seiner Existenz erkennt und ihn verfolgt. Aber eine Antwort darauf, wie sich dies in der derzeitigen Gesellschaft praktisch bewerkstelligen ließe, insbesondere finanzieren, gibt Strelecky nicht. Sich auf die Sinnsuche zu begeben, einen Sinn zu definieren, der über das Erwirtschaften eines Lebensunterhaltes hinaus geht, und diesen schließlich auch zu verfolgen, ist eine Frage der Einkommens- und Vermögensverhältnisse. Und damit eine Machtfrage. Nicht jeder kann es sich erlauben. Doch das wird nicht reflektiert, höchstens thematisch gestreift. Es wäre auch nicht einfach, vielleicht unmöglich zu beantworten.

Daher lenkt Strelecky die Leser:innen mit der hoffnungsfrohen Vorstellung ab, dass ein Mensch, der sich und seinen gefundenen Lebenssinn nur positiv genug präsentiert, viele helfende Hände unter seinen Mitmenschen finden wird. Diese Vorstellung scheint dem US-amerikanischen Unternehmertum und seinem Hang zur Selbstinszenierung zu entspringen, will sagen: Außenwirkung ist alles. Wer keinen Erfolg hat, konnte sich demnach nicht ausreichend gut präsentieren. Freilich mag ein wahrer Kern in dieser kulturellen Fantasie liegen, in Steleckys Erzählung aber wird sie zu einem geheimen Wirkungsgesetz mystifiziert. Andererseits sind Amerikaner, so mein Eindruck, kulturell offener für neue Wege, als wir es sind. Wer hierzulande einen ungewöhnlichen Weg geht, wird schnell argwöhnisch beäugt.

Lebenssinn erzeugt nicht automatisch Glück

Zudem lässt Strelecky unerwähnt, dass die konsequente Verfolgung eines Lebenssinns abseits gesellschaftlicher Karrierepfade auch ins Unglück führen kann oder, nimmt man als Sinnsuchender die sozialen und finanziellen Einbußen willens in Kauf, Widerstandsvermögen, Selbstvertrauen und Disziplin erfordern, nicht selten also eine gewisse Leidensfähigkeit. Für das gute Gefühl aber streut Strelecky seinen Leser:innen Sand in die Augen. Überhaupt wird vieles argumentativ sehr verkürzt dargestellt. Dass derjenige, der seinen Lebenszweck gefunden hat, damit auch einen Job finden wird, weil er aufgrund seines Engagements so gut darin ist, wird stillschweigend vorausgesetzt. Hingegen bedacht wird, dass ein solcher Job womöglich nicht sehr viel Geld einbringen könnte. Doch wird dieses Problem innerhalb des Werkes sehr fadenscheinig von der Figur Casey relativiert, indem sie suggeriert, der Lebenszweck sei so erfüllend, dass es weder viel Geld im Jetzt noch in der Rente brauche. Was aber tun ohne Ersparnisse im Alter? Casey erwidert ironisch: „Ich nehme an, Sie müssten weiterhin die Dinge tun, die Sie gerne tun. Das wäre in der Tat tragisch.“ Der Figur zufolge soll man im Alter also einfach weiterarbeiten, weil es einen so glücklich macht. Befragen wir hierzu am besten jemanden, der leidenschaftlich gern Fernfahrer ist, aber an Morbus Parkinson erkrankt.

Gewiss braucht es Risikobereitschaft und gewiss ist die Lust an einer erfüllenden Arbeit ein großer Teil der Entlohnung. Damit ist es im Alter oder im Krankheitsfall jedoch nicht getan. Der Preis der Selbstentfaltung kann hoch sein. Schon wer in Deutschland – der im Jahr 2018 viertgrößten Volkswirtschaft der Welt – bloß studieren und also etwas für seine Bildung tun will, muss entweder vermögende Eltern haben oder sich verschulden. Oder im Nebenher arbeiten, was in einem Vollzeitstudium nur geht, wenn es nicht in Vollzeit betrieben wird. Jetzt stelle man sich vor, dieses Studium geschähe aus dem Wunsch heraus, Künstler zu werden. Die finanziellen Aussichten im Anschluss wären mager. Da muss man schon einfallsreich sein und vermutlich sein künstlerisches Können zweckentfremden, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen und seine Schulden abzubezahlen.

Gemeinplätze der Gesellschaftskritik und Lebensführung

Dennoch lädt Streleckys Erzählung dazu ein, die Dinge ein wenig positiver zu betrachten. Sicherlich ist es zielführender, bei einem Selbstentfaltungsprojekt gegenüber den Mitmenschen das Positive daran herauszustellen als seine eigene Lage griesgrämig und aussichtslos zu schildern. Letzteres wirkt garantiert nicht ansteckend, Begeisterung hingegen vielleicht schon – auch wenn es naiv wäre, anzunehmen, dass Menschen einem aufgrund der eigenen Begeisterung helfen. Crowdfunding mag hier einiges zum Positiven gewendet haben. Spenden tun die meisten allerdings nur, wenn sie eine Gegenleistung erhalten. Abgesehen von dem Appell zur Positivität birgt die Erzählung zwar nicht neue, doch interessante Einsichten, die beim Fundament bürgerlichen Denkens ansetzen: dem Konsum. Nur wer viel konsumiere, müsse viel Geld verdienen, um sich all die Dinge leisten zu können, die ihm als Ersatzglück dienten. Viele Konsumgütern bräuchten die Menschen nicht, also bräuchten sie auch nicht so viel Geld. Lediglich die Werbung würde es ihn einreden. Viel Zeit gehe also fürs unnötige Geldverdienen verloren. Ebenso wie für viele andere Tätigkeiten, denen man nur nachgehe, weil man letztlich unkonzentriert sei oder sich von anderen Menschen ablenken lasse. Stattdessen solle man tun, was einen erfülle, vielleicht erst fünf Minuten am Tag, dann schon zehn Minuten und so weiter.

All dies sind Gemeinplätze einerseits der Gesellschaftskritik, andererseits der guten Lebensführung. Strelecky verbindet sie zu einer fundamental anderen Geisteshaltung, die gegen den Widerstand der Gesellschaft aufrecht gehalten wird und sich aus dem guten Gefühl speist, das zu tun, wofür man sich geboren hält. Ihr Kern ist: Tue, was du willst, und nicht, was andere von dir verlangen. So etwas im Alltag durchzusetzen ist schwierig und mit der Lektüre von Das Café am Rande der Welt nicht getan. Jeder, der einmal eine Diät versucht hat, weiß das. Entsprechend ist Streleckys Erzählung eine Motivationsrede, die den Anstoß geben kann, das eigene Verhalten zu überdenken und gegebenenfalls zu verändern.

Wie sehr Streleckys Einsichten und Ratschläge weiterhelfen, müssen die Leser:innen selbst entscheiden. Die sage und schreibe 45. Auflage von Das Café am Rande der Welt ist rechtzeitig vor der großen Ferienzeit im August in den Buchhandel gekommen. Wie der Ich-Erzähler darin dürften sich viele Menschen im Urlaub, wenn Zeit zum Nachdenken ist, nach einem nervtötendem Stauerlebnis die Sinnfrage gestellt haben. Wie passend, dass da dieser Ratgeber zur Hand ist. Und mittlerweile auch eine zweite Fortsetzung, erschienen am 23. August, mit dem Titel Auszeit im Café am Rande der Welt, in der ein gealterter John nach der Beerdigung seines Patenonkels zurück ins Café der Fragen findet, um sich seiner Midlife Crisis zu stellen. Hingegen in der ersten Fortsetzung, Wiedersehen im Café am Rande der Welt, kehrt John in das seltsame Etablissement zurück, um mit seiner Lebenserfahrung diesmal der verzweifelten Jessica weiterzuhelfen. Deutlich wird, wie der Autor in seinen Café-Erzählungen Erfahrungen aus seiner täglichen Arbeit als Coach mit der sich fortschreibenden Fiktion von Johns Sinnsuche verbindet. Kein Zufall, dass die Vornamen von Autor und Ich-Erzähler dieselben sind.

Fazit: Beratungsliteratur vor phantastischer Erzählkulisse

Das Café am Rande der Welt ist eine kurze, leicht lesbare Erzählung über den Sinn des Lebens vor dem Hintergrund des aktuellen Zeitgeistes, der vielfach nach Selbstentfaltung strebt. Literarisch überzeugt sie nicht, inhaltlich grenzt sie bisweilen an Binsenweisheiten, versammelt aber auch einige interessante Einsichten in mögliche Geisteshaltungen abseits von Konsum und Erklimmen bürgerlicher Karriereleitern. Sie inspiriert zu einer positiven Grundeinstellung, in der vagen Hoffnung, dass sie ansteckend wirkt. Helfen kann sie womöglich denjenigen, die noch nie zuvor über ihr Leben nachgedacht haben. Aus Sicht dieses Fachmagazins für Phantastik, Horror und Science-Fiction ist an der Erzählung vor allem ihre phantastische Erzählkulisse interessant, die es Strelecky ermöglicht, einen Ort jenseits von Raum und Zeit zu inszenieren, an dem Menschen einkehren, um Erfahrungen auszutauschen und über ihr Leben nachzudenken. Sie ermöglicht Strelecky aber auch eine Bühne, um seine Theorien auszubreiten, die mehr oder minder direkt auf weitere Bücher und Seminare des Autors verweisen. Derart gut geölte Beratungsmaschinerien stimmen mich skeptisch. In diesem Fall stellt sich die Frage, ob sie nicht bereits zu jenen Konsumgütern gehören, von denen sie selbst abraten.

strelecky cafe cover

Infokasten

„Das Café am Rande der Welt“ (OT: The Why Are You Here Café)

Autor: John Strelecky

Übersetzung: Bettina Lemke

Illustrationen: Root Leeb

Verlag: DTV

127 Seiten, Softcover, 45. Auflage

Deutsche Erstausgabe (Druck) 2007, Erstausgabe USA 2003  

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Letzte Änderung amSonntag, 15 September 2019 10:23
Edvard Solstad

Edvard schreibt über Horror und Phantastik, deren literarische Formen ihn am meisten interessieren.

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– Johann Wolfgang von Goethe in einem 1774 zunächst anonym veröffentlichten Gedicht, das dem Schriftsteller als provokante Antwort auf eine Rezension über seinen Drama Götz von Berlichingen (1773) diente.