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Romane

„Der Schrecksenmeister“ – Pakt mit dem verrückten Alchimisten

Buchcover (Ausschnitt) Piper Verlag Buchcover (Ausschnitt)

Walter Moers’ Roman schickt ein katzenartiges Wesen in die Fänge eines Alchimisten, der ihm das Fett auskochen will. Eine schaurig-fantasievolle Geschichte.

Rezension

Echo ist kein Kater, auch wenn er wie einer ausschaut, sondern eines der letzten Exemplare seiner Art: eine Kratze, was wiederum die zamonische Spielart einer Hauskatze ist, wie der fiktive Übersetzer des Romans Der Schrecksenmeister die Leser:innen in einer Fußnote wissen lässt. Die Rolle des Übersetzers nimmt innerhalb des fiktiven Erzählrahmens, wie bei allen Zamonien-Romanen, der tatsächliche Autor Walter Moers ein, der das von Hildegunst von Mythenmetz geschriebene Märchen aus dem Zamonischen übersetzt und illustriert hat, wie zu Beginn das Titelblatt verrät. Kratzen haben anders als Katzen zwei Lebern, aber viel wichtiger: Sie können sprechen, und zwar alle erdenklichen Sprachen, sogar die der Tiere und Fabelwesen, die Moers‘ berühmtes Fantasy-Land Zamonien bewohnen. Bisher hat Echo in seinem Leben nie ein Leid erfahren. Er lebte ein wohliges und umsorgtes Dasein als Hauskratze – bis seine Besitzerin verstarb, er auf die Straße gesetzt wurde und nun halbverhungert dem titelgebenden Schrecksenmeister, Succubius Eißpin mit Namen, begegnet. Mit dem schrecklichen Alchimisten schließt er einen Pakt. Echo verkauft Eißbin sein Fett, das er sich freilich erst noch anfressen muss. Aber dann, wenn der nächste Vollmond am Himmel hängt, muss die Kratze ihr Leben aushauchen und sich das Fett auskochen lassen, das für Eißpin eine alchimistische Zutat von unschätzbarem Wert ist. Im Gegenzug verpflichtet der Schrecksenmeister sich, Echo nur das feinste und köstlichste Essen zu kredenzen. Vor Hunger halbverrückt willigt die weltfremde Kratze in das Geschäft ein.

Was folgt, ist eine äußerst fantasievolle, oft schaurige, aber auch humorvolle Geschichte über das ambivalente Verhältnis von Eißpin und Echo. Der prinzipientreue Schrecksenmeister, der niemals scherzt, beschert der naiven Kratze die genussvollste Zeit ihres Lebens, sowohl kulinarisch als auch intellektuell. Der Alchimist wird Echos Lehrmeister, Mentor und Koch – ein wahrer Maestro, wenn es darum geht, Ingredienzien zu mischen, sei es nun im Labor oder in der Küche. Echo hingegen lernt viel über die Welt und die Alchimie, indem er Eißpins Experimenten beiwohnt und seinen gelehrten Exkursen lauscht. Während über all dem das drohende Schicksal liegt und Moers die Leser:innen in die Tiefen von Eißpins Schloss voller Obskuritäten entführt, entspinnt sich zwischen Kratze und Schrecksenmeister so etwas wie eine Freundschaft. Zumindest könnte man das meinen. Denn geschickt spielt Moers mit den Emotionen und Erwartungen der Leserschaft, wenn es darum geht, Eißpins gleichermaßen faszinierende wie abstoßende Persönlichkeit einzuschätzen. Nur so viel: Der Alchimist ist die Ambivalenz in Person, will sagen: Eißpin vereint in sich das Widersprüchliche, sodass zu keinem Zeitpunkt klar ist, ob er Echos Schuld einlösen wird. Mal wirkt Eißpin wie ein missverstandener Einsiedler, der durchaus die Feinheiten des Genusses kennt und wertschätzt. Dann wieder erscheint der Mann wie ein kaltherziger Unmensch, den nichts weiter als seine Forschungen interessiert, ja, der es sogar genießt, wenn die Menschen vor ihm erschaudernd zurückweichen. Derart liegt in diesem Roman ein meisterhaftes Spiel mit der Leseridentifikation vor, das durch das Auf und Ab von Mitgefühl und Abscheu eine enorme Intensität entwickelt.

Aber das ist längst nicht alles. Wie gewohnt bezaubert Moers in seinem abschweifenden Stil mit zahlreichen Geschöpfen, Ideen und Wortspielereien, die die Fantasie geradezu beflügeln. Dunkle Geheimnisse lauern ebenso in Eißpins geschichtsträchtigem Schloss wie in dem naheliegenden Wald oder dem Dorf Sledwaya, in dem diese Geschichte stattfindet. Hier und da werden kleinere Episoden eingewoben, die ferne Orte Zamoniens illustrieren und gleichzeitig die Hintergrundgeschichte des Schrecksenmeisters ausleuchten. Eine imposante Figur ist beispielsweise Fjodor F. Fjodor, ein sogenannter Schuhu, der im Schornstein des Schlosses wohnt. Ein Schuhu ist ein einäuiger Uhu und Fjodor speziell die liebenswürdige Parodie eines Scheinintellektuellen, der von Revolution und konspirativen Treffen faselt, dabei aber Fremdwörter verwendet, die er regelmäßig falsch ausspricht.

Weiterhin ist das Besondere an diesem Roman, dass er, obwohl er sich auch an Jugendliche richtet, nicht vor gut platzierten Momenten des Schreckens Halt macht. Das ist sehr trickreich, da diese Momente aufgrund der gesamten Gestaltung nicht zu erwarten sind und dann sehr plötzlich eine ergreifende Intensität entfalten, die den Schrecken mehren, der von Eißpin ausgeht.

Der Roman bereichert seine Wirkung zudem durch seine für Moers typischen intertextuellen Anspielungen, die man nicht erkennen muss, um dem Lesefluss folgen zu können. An diesen literarischen Querverweisen zeigt sich, dass der Roman auch auf ein älteres Publikum abzielt. Nicht nur arbeitet hier Moers das Motiv des verrückten Wissenschaftlers mit vielen Anspielungen auf den Schauerroman durch, auch bezieht sich der Autor auf eine ganz konkrete Textvorlage, ohne dass der Roman hierdurch seine Eigenständigkeit verliert. Auf dem eingangs erwähnten Titelblatt ist die Rede davon, dass Hildegunst von Mythenmetz ein „kulinarisches Märchen von Gofid Letterkerl“ neu erzählt. Gofid Letterkerl ist ein verspieltes Anagramm des Namens Gottfried Keller, der ein Schriftsteller des poetischen Realismus aus dem 19. Jahrhundert war. Der Referenztext dieses Romans ist demnach das Märchen Spiegel, das Kätzchen, in dem ebenfalls eine halbverhungerte Katze ihr Leben rettet, indem sie ihr Fett an einen Hexenmeister verkauft. Das Märchen trägt sich in einem Dorf namens Seldwyla zu, was wiederum ein Anagramm von Sledwaya ist.

Wie üblich illustriert Moers seine Romane selbst und erweitert so die Textwelt durch eine visuelle Beigabe, die Worte nur schwerlich und sehr ausufernd wiedergeben könnten. Derart gibt Moers auch in diesem Werk seinen phantastischen Wesen eine anschauliche Gestalt und visualisiert die obskuren Apparaturen in Eißpins Labor,  die merkwürdigen Gewächse eines Hexengartens und vieles mehr.

Der Schrecksenmeister ist ein erzählerisch und intertextuell ambitionierter, dabei durchweg leicht lesbarer und spannender Roman, der die widersprüchliche Beziehung eines verschrobenen Alchimisten und einer ihm ausgelieferten Kreatur erzählt. Literarische Querverweise, gut platzierte Schreckensmomente, ausschweifende Fantasien und stimmungsvolle Illustrationen sowie insbesondere ein geschicktes Spiel mit der Leseridentifikation machen diesen Roman zu einer intensiven Lektüre.

Literatur

Wer mehr über die literarischen Verweise in den Werken von Walter Moers erfahren möchte, kann zum Beispiel den literaturwissenschaftlichen Aufsatzband zu Rate ziehen:

Gerrit Lembke (Hg.): Walter Moers‘ Zamonien-Romane. Vermessungen eines fiktionalen Kontinents. V&R unipress, Göttingen 2011.

schrecksenmeister cover

Infokasten

„Der Schrecksenmeister“

Autor: Walter Moers

Verlag: Piper

Deutschland | 2007

383 Seiten, Hardcover (2007), Softcover (2009)

Veröffentlichung: August 2007 (Druck/E-Book)

Letzte Änderung amMontag, 06 Mai 2019 14:10
Edvard Solstad

Edvard schreibt über Horror und Phantastik, deren literarische Formen ihn am meisten interessieren.

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„If Pac-Man had affected us as kids, we'd all be running around in dark rooms, munching pills and listening to repetitive electronic music.“

Marcus Brigstocke