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Film

„Dunkirk“: Grausamkeit des Krieges

Filmplakat (Ausschnitt) Warner Bros. Filmplakat (Ausschnitt)

„Die Hölle, das sind die anderen.“ – Sartre, Geschlossene Gesellschaft. Menschen fügen einander das größte Leid zu. Die Schrecken des Krieges manifestiert Dunkirk.

Rezension

Dünkirchen 1940 während des zweiten Weltkriegs. Die französischen und britischen Soldaten sind in der Küstenstadt eingekesselt. Außen lauert der Feind, in Form deutscher Soldaten, im Rücken liegt das Meer. Vom Strand aus kann man die britische Küste sehen, doch die rund 400.000 eingepferchten britischen Soldaten scheinen zum Tode verdammt. Dunkirk erzählt vom Überlebenskampf verschiedener Personen in einem Kriegsszenario. Ein Frontsoldat, der versucht irgendwie auf ein Schiff zu gelangen, das ihn in Sicherheit bringt, ist der erste im Bunde. Diese Geschichte beginnt eine Woche vor dem Ende der Geschehnisse. Ein anderer Handlungsstrang berichtet von einem gealterten Briten und seinem Sohn, die mit einem Boot unterwegs nach Dünkirchen sind, um Überlebende zu retten. Der dritte Erzählpfad  berichtet von drei Piloten, die im Luftkampf über den eingekesselten Soldaten am Boden kämpfen. Dabei wird eine übergeordnete Geschichte erzählt, die auf Figurenzeichnung weitgehend verzichtet, dadurch zwingt Dunkirk den Zuschauenden dazu, Zeuge von etwas Schrecklichem zu werden.

Dunkirk 1Im Krieg gibt es keine Gewinner, soviel steht schon nach wenigen Minuten des Werkes fest. Die Soldaten sind am Ende ihrer Kräfte angelangt, als die Einheit des ersten Protagonisten komplett aufgerieben wird, mit Ausnahme von ihm. Zurück am Strand überlebt er einen Luftschlag und versucht fortan zu entkommen. Regisseur Christopher Nolan verzichtet auf explizite Darstellung von Blut und Verletzungen, dennoch schafft er – besonders in Verbindung mit der Musik von Hans Zimmer – eine von der ersten Sekunde an bedrückende Stimmung. Die Schrecken des Krieges werden hier zur spürbaren Wirklichkeit, so dass einem Dunkirk für die gesamte Laufzeit den Atem raubt. Das dargestellte Grauen des Überlebenskampfes verdeutlicht, dass auch Filme über den Krieg im Grunde Horrorfilme sind, jedoch sehr wirklichkeitsnah und durch ihre Orientierung an der Geschichte nicht so abstrakt, wie es in populären Horrorfilmen der Fall ist. Ein Home-Invasion-Szenario oder Rape-Revenge-Filme ist somit ausgenommen, denn diese sind allein aufgrund ihrer Heftigkeit nur wenigen bekannt. Dunkirk verlangt dem Zuschauer allerdings ähnlich viel ab wie extreme Horrorfilme, was überrascht. Im Kinosaal ist die Atmosphäre spürbar, es ist still. Kein Getuschel, kein Knistern von Popcorntüten, es ist einfach nur still – abgesehen von dem Soundtrack, der in seine Musik immer wieder das Ticken einer Uhr integriert. Kaum Worte werden in diesem Film gesprochen, immer wieder verliert der junge Soldat die Orientierung, jede Chance wird zu einer neuen Herausforderung. In diesem Handlungsstrang wird nahezu komplett auf Hollywood-Pathos verzichtet, in der Folge schwindet auch für die Zuschauenden zusehends die Hoffnung, dass der junge britische Soldat es schaffen wird zu entkommen.

Dunkirk 3Die Soldaten werden in die Enge getrieben und offenbaren das Monster im Menschen. Regisseur Nolan bricht in seinem Werk mit den üblichen Konventionen, dass jeder für den anderen einsteht. Hier wird zur Not mit Waffengewalt entschieden, wer entbehrlich ist. Eine der intensivsten Sequenzen des Films findet im Bauch eines gestrandeten Schiffes statt, in dem sich eine Einheit von Soldaten verbarrikadiert hat und auf die Flut wartet. Die Geschichte der Piloten wird unterdes von Mut und Aufopferung geprägt, ebenso wie der Handlungsstrang auf dem Boot. Es fühlt sich ‚wirklich‘ an, denn die Figuren scheinen authentisch zu agieren. Das bedeutet nicht, dass diese Darstellung des Krieges eine realistische sei. Wie bereits gesagt, verzichtet der Film auf eine explizite Darstellung von Blut und Ekel. In der Hoffnungslosigkeit der Soldaten ist der Krieg spürbar. In Kombination mit der Filmmusik wirkt das Werk besonders immersiv und lässt Zuschauende in die leidvolle Situation eintauchen. Immer wieder versinken die vermeintlich rettenden Schiffe im Meer, am Himmel kämpfen die Piloten gegeneinander und darunter ist die Hölle auf Erden. Krieg bringt das Schlimmste im Menschen hervor, doch in diesem Film bringen die Schreckenserfahrungen einige Soldaten dazu, über sich hinaus wachsen zu können. Aber auch das kann nicht alle retten, so grausam ist der Krieg.

Dunkirk 2

In Deutschland ist Dunkirk ab 12 Jahren freigegeben worden und somit für Kinder ab 6 Jahren in Begleitung der Eltern zugänglich, das halte ich für einen großen Fehler. Um diesen Film zu verstehen, bedarf es eines gewissen Erfahrungsschatzes. Die Tragweite des Werkes erschließt sich ohne eine gewisse Allgemeinbildung ebenfalls nicht, sodass dieser Film besser hätte ab 16 Jahren freigegeben werden sollen.

Christopher Nolans neuester Film ist schonungslos und intensiv, vielleicht das beste, ganz sicher das wichtigste Werk, das der Ausnahmeregisseur inszeniert hat. Dunkirk trifft den Nerv der Zeit und kann als ein Appell gegen den Krieg verstanden werden. Es soll eine Prognose gewagt werden: Oscar für den Besten Film, Beste Regie und Beste Filmmusik. Ein einmaliger Film, dem die gegebene Aufmerksamkeit zu Recht zu Teil wird. Dunkirk ist gnadenlos, heftig, emotional, intensiv und in dieser Form einzigartig. Einer der besten Filme, die je gemacht wurden.

Trailer Dunkirk

Infokasten

„Dunkirk“

Regie: Christopher Nolan

Drehbuch: Christoper Nolan

Produktion: Syncopy, Warner Bros.

Verleih: Warner Bros.

Laufzeit: 106 Minuten (uncut)

UK | Niederlande | Frankreich | USA 2017

Ab dem 27.07.2017 im Kino.

Letzte Änderung amMittwoch, 30 August 2017 07:55
Thomas Heuer

Medienwissenschaftler M.A., Multimedia Production B.A., Horrorforscher, Fotograf, Filmemacher, Journalist, Gamer

 

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„Unbestreitbar führt das Internet auch zu positiven Veränderungen. Das Negative besteht meiner Meinung nach darin, dass das Internet zu Oberflächlichkeit verleitet, zu spontanen Reaktionen, hinter denen kein langes Nachdenken steckt: Ich habe etwas gelesen, und sofort twittere ich dagegen oder darüber, und dann womöglich auch noch in falscher Grammatik.“

 

Helmut Schmidt im Gespräch mit Giovanni di Lorenzo (2012) im Zeit Magazin Nr. 17 vom 19.04.2012, S. 57