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Film

Ein Ursprung des Schreckens: „Annabelle 2“ von David F. Sandberg

Werbematerial Warner Bros. Werbematerial

Annabelle: Creation schildert die Geschehnisse, wie die gruselige Puppe aus der Conjouring-Storyworld geschaffen wurde und wie ein Dämon Besitz davon ergreift.

Rezension und Eindordung

Samuel Mullins (Anthony LaPaglia) ist ein exzellenter Puppenmacher und lebt mit seiner Frau Esther (Miranda Otto) und der Tochter Bee (Samara Lee) abgelegen auf dem Land. Aus seiner Kunstfertigkeit entsteht auch die Puppe, die später als Annabelle bekannt sein wird. Am Beginn des Werkes steht die Schaffung von genau dieser Puppe. Zu Beginn ist alles gut, die Mullins leben in einer heilen Welt, sind glücklich und wohlhabend, gehen regelmäßig in die Kirche und sind angesehene Bürger. Doch dann geschieht etwas Schreckliches, Kenner der Erzählwelt ahnen es bereits, durch einen Unfall wird Bee getötet. 12 Jahre später steht das Haus der Mullins weitgehend leer. Daher haben sich Samuel und Esther entschieden, in ihrem Landsitz ein Refugium für Waisenkinder einzurichten. Unter der Leitung von Schwester Charlotte (Stephanie Sigman) werden insgesamt sechs Mädchen dort untergebracht. Doch etwas stimmt nicht in dem Haus, die Freundinnen Linda (Lulu Wilson) und Janice (Talitha Bateman) bemerken dies zuerst. Doch als das Böse beginnt sich zu manifestieren, scheint es bereits zu spät zu sein.

AC 3Annabelle, die lebensgroße Mädchenpuppe, die erstmals in der Exposition von James Wans Conjouring aufgetaucht ist, hat nun bereits ihren zweiten eigenen Film gewidmet bekommen. Die Puppe erinnert stark an die frühen Filme von James Wan, alle geschrieben von Leigh Whannell, in denen gruselige oder groteske Puppen eine zentrale Rolle für den Schrecken eingenommen haben. Dies findet sich in SAW, Dead Silence und Insidious, sodass Annabelle in Conjouring als ein letzter Ausläufer dieser Schaffensära von James Wan verstanden werden kann. Während Wan sich neuen Regieprojekten zugewendet hat, die abseits des Horrorgenres gelegen sind (Fast & Furious 7, Aquaman, MacGyver), tritt er noch immer als Produzent vieler Horrorfilme in Erscheinung. Dabei erkannte er auch das riesige Potential von David F. Sandberg, dessen Kurzfilm Lights Out zum Internethit wurde. 2016 finanzierte Wan das Langfilmdebüt von Sandberg, der eine abendfüllende Adaption von Lights Out in die Kinos brachte. Nun wurde dem jungen Regisseur eine der furchteinflößendsten Puppen aller Zeiten an die Hand gegeben: Annabelle.

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AC 2Nach Annabelle von John R. Leonetti (Wish Upon) war eigentlich anzunehmen, dass dieser Strang der Erzählwelt vernichtet wurde. Denn der erste Film von Annabelle wirkte wie schnell im Windschatten von Conjouring zusammengefiedelt und auf den Markt gebracht. Der Film ist nicht schlecht, kann aber sein Potential nicht entfalten. Nun hat man eine Vorgeschichte zu Annabelle und Conjouring ins Kino gebracht, die gleichermaßen spannend wie überraschend ist und mit ihrem Ende den ersten Film verbessert, da hier zumindest einige Lücken interpretierbar geschlossen werden können. Das macht diese Fortsetzung zu etwas Besonderem. Doch Annabelle: Creation, der in Deutschland als Annabelle 2 veröffentlicht wurde, ist weit mehr als eine Korrektur für den Vorgänger. Mit viel Fingerspitzengefühl schafft David F. Sandberg einen Horrorfilm über das Übernatürliche, das sich in unsere Welt bahnbricht. Dabei ist die Qualität des Werkes ähnlich anzusiedeln wie Conjouring – was meiner Meinung nach einer der besten Horrorfilme ist, die jemals gemacht wurden. Denn Conjouring und Annabelle: Creation haben gemein, dass beide Filme neue Impulse in den übernatürlichen Schrecken bringen, der nach so vielen Jahren und Werken bereits als abgenutzt erschien. Annabelle: Creation ist von der ersten Minute an in ästhetischen Bildern gefasst, wagt es passagenweise auf extradiegetische Klangkulissen zu verzichten und entwickelt besonders aus dieser gefühlten Natürlichkeit eine besonders hervorstechende Schreckenserfahrung. Hier wird auf Blut und Gewalt über weite Strecken verzichtet, doch der Film kann in zwei Abschnitte aufgeteilt werden. In der zweiten Hälfte wird es durchaus blutig, auch dosierter Ekel wird ausgelöst. Dass Sandberg dabei einen Slasher inszeniert, in dem das Subgenre neu durchdacht wird, überrascht und macht das Stück aus der Feder von Gary Daubermann zu einem gelungenen Werk des Schreckens.

Annabelle: Creation fügt sich in die Erzählwelt ein und liefert erste Hinweise auf den Zusammenhang zwischen Annabelle und der Nonne (Conjouring 2, The Nun), die wie beiläufig in den Film eingewoben werden. Wer bis nach dem Abspann im Kino bleibt, bekommt einen kleinen Vorgeschmack auf das nächste Segment der Storyworld: The Nun. Exzellente Darsteller und ein gelungenes Drehbuch sind ein Erfolgsfaktor, der auch den zweiten Langfilm von David F. Sandberg zu einem besonderen Horrorfilm macht. Wer noch keinen Zugang zu Conjouring und weiteren Werken des Erzählkosmos hatte, bekommt hier einen spannenden und überaus gelungenen Einstieg geboten.

Trailer Annabelle 2

Infokasten

„Annabelle 2“ (OT: „Annabelle: Creation“)

Regie: David F. Sandberg

Drehbuch: Gary Dauberman

Produktion: New Line Cinema

Verleih: Warner Bros. Pictures

Laufzeit: 109 Minuten (uncut)

USA | 2017

Ab dem 24.08.2017 im Kino.

Letzte Änderung amMittwoch, 13 September 2017 14:49
Thomas Heuer

Dr. phil. Medienwissenschaft

Forscher, Fotograf, Filmemacher, Journalist, Gamer

Forschungsfelder: Immersionsmedien, Horror, vergleichende Mediendramaturgien, Game Studies, Medienethik und -philosophie

Abschlüsse: Medienwissenschaft M. A., Multimedia Production B. A., Facharbeiter Kommunikationselektronik

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„Der Traum ist ein zweites Leben. Ich habe nie ohne zu schaudern durch die Elfenbein- oder Horntore dringen können, die uns von der unsichtbaren Welt scheiden. Die ersten Augenblicke des Schlafes sind das Bild des Todes. Eine nebelhafte Erstarrung ergreift unsern Gedanken, und wir können den genauen Augenblick nicht feststellen, wo das Ich in einer andern Form die Tätigkeit des Daseins fortsetzt. Ein ungewisses unterirdisches Gewölbe erhellt sich allmählich und aus dem Schatten der Nacht lösen sich in ernster Unbeweglichkeit die bleichen Figuren, welche den Vorhof der Ewigkeit bewohnen. Dann nimmt das Bild Form an, eine neue Helligkeit erleuchtet diese Erscheinungen in wunderlichem Spiel: - es öffnet sich uns die Welt der Geister.“

– Gérard de Nerval in „Aurelia oder Der Traum und das Leben