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Film

„Ghostland“ – Psychologischer Home-Invasion-Horror

Filmszene Capelight Pictures Filmszene

Der neue Horrorfilm von Pascal Laugier, bekannt für Martyrs, überzeugt mit Intensität, visueller Härte und, wichtiger noch, dem Phantastisch-Psychologischen.

Kurzrezension

ghostland 2Die Schwestern Beth und Vera (Emilia Jones, Taylor Hickson) ziehen mit ihrer Mom (Mylène Farmer) in ein altes, mit Masken und Puppen vollgestelltes Haus, das ihnen ihre verstorbene Tante vermacht hat. Während die verträumte Beth gern Horrorgeschichten schreibt, steht Vera mitten im Leben. Sie ist stinksauer auf ihre Mom, weil sie wegen des Umzuges ihren Freund verlassen musste. In dieses alltägliche Familienchaos brechen schon am ersten Abend in der neuen Wohnstatt zwei gesuchte Serientäter, die der Mutter und ihren Töchtern nach dem Leben trachten. Sechszehn Jahre später kehrt Beth (Crystal Reed), die mittlerweile eine angesehene Schriftstellerin ist, zu dem Haus zurück. Doch etwas stimmt nicht mit ihrer Schwester (Anastasia Phillips), die das traumatische Erlebnis von damals, so scheint es, nie überwunden hat.

Wie viele Home-Invasion-Filme ist Ghostland markerschütternd. Doch im Gegensatz zu anderen Vertretern dieses Horror-Subgenres fügt dieser besondere Film der Erzählformel noch eine überraschende Wendung hinzu, die man eher in der Phantastik suchen würde. Der erzählerische Fokus liegt nicht auf der Motivation der Antagonisten, die blass bleiben. Auch der Überlebenskampf der Opfer und die Inszenierung der Gewalt sind nur ein Teil des Ganzen. Ein wesentlicher Schwerpunkt liegt auf der Darstellung der psychischen Auswirkungen der Gewalt auf Opferseite. Dies geschieht durch das Phantastische, das nach seichten Ankündigungen schließlich in Erscheinung tritt und, im Dienste eines psychologischen Realismus, die Wirkungen andauernder Angst vor einer unausweichlichen Misshandlung illustriert. Derart nimmt das Grauen des Ausgeliefert sein in Ghostland auf narrativer Ebene Gestalt an und involviert den Zuschauer, der nur ahnen kann, was geschieht. Er muss die Verdrängungsbewegung einer gepeinigten Psyche mitgehen und vor dem erlebten Schrecken in eine Traumwelt zurückweichen.

ghostland 1

Hinzu kommt die visuelle Ebene, die maskenbildnerisch nicht vor deformierenden, geradezu entstellenden Schwellungen und Blutergüssen zurückschreckt und im Gegenteil unterstreicht, dass mit physischer Gewalt Verletzungen einhergehen. So explizit tut das nicht jeder Film, auch viele Horrorfilme nicht. Musikalisch wird der Schrecken durch einen punktuell bassdröhnenden Soundtrack untermauert, der die visuelle Härte des Geschehens auditiv spüren lässt. Eine pausenlose Gewaltorgie ist dieser Film aber gewiss nicht. Seine Handlung gibt Raum sowohl für Verschnaufpausen als auch für intensive Momente, in denen der Schrecken in die Vorstellungskraft des Zuschauers verlagert ist.

Ghostland ist psychologischer Horror, eingebettet in ein Home-Invasion-Szenario, das in einen brachialen Überlebenskampf mündet. Alleinstellungsmerkmal dieses spannenden, sogar kathartischen Films ist seine trickreiche Inszenierung des Psychischen, über das sich noch vieles sagen ließe, aber nichts, was nicht zu viel vorwegnehmen würde. Auch wenn manch anderer Horrorfilm visuell weit härter zu Werke gehen mag, bleibt Ghostland durch die Intensität seiner Inszenierung in Erinnerung. Weshalb der Film lediglich eine „FSK 16“-Einstufung erhalten hat, bleibt daher schleierhaft.

 

Trailer zu Ghostland

Infokasten

„Ghostland“ (AT: Incident in a Ghostland)

Regie: Pascal Laugier

Drehbuch: Pascal Laugier

Laufzeit: 91 Minuten

Produzent: 5656 Films, Inferno Pictures Inc. u.a.

Verleih: Capelight Pictures

Frankreich, Kanada | 2018

Veröffentlichung in Deutschland: 05.04.2018 (Kinostart)

Letzte Änderung amMontag, 16 April 2018 17:26
André Vollmer

Schriftsteller, der Kritiken schreibt; Gründer von Mellowdramatix, Studierter (Germanistik & Skandinavistik, M.A.); am Meer geboren; auf Twitter als er selbst (@avmllr) und in seinem Schreibatelier für kleinste Formen (@anderwaerts)

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Unter anderem auch das

„Das Recht zur Kritik ist, sozusagen, ein ästhetisches Naturrecht.“

– Hugo Dinger: Dramaturgie als Wissenschaft. Bd. 1. Leipzig 1904, S. 318.