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Film

Exkurs zur Bedeutung der Menschlichkeit: „Ich bin Dein Mensch“

Tom wartet im Regen auf Alma (Filmstill, Ausschnitt) Letterbox Filmproduktion Tom wartet im Regen auf Alma (Filmstill, Ausschnitt)

Maria Schraders Verfilmung der gleichnamigen Kurzgeschichte von Emma Braslavsky regt zum Nachdenken an. Darüber, was einen Menschen ausmacht und was Menschsein bedeutet.

Rezension

IchbinDeinMensch 3Alma (Maren Eggert) ist eine alleinstehende Wissenschaftlerin. Sie ist auf ihrem Gebiet eine herausragende Forscherin und leitet ein Forschungsteam. Um weitere Forschungsmittel zu erhalten, willigt Alma ein, an einer experimentellen Studie teilzunehmen. Dabei geht es darum, dass ein künstlich geschaffener Mensch, der anhand einer ausgewerteten psychologischen Befragung erstellt wird, für den Testzeitraum von drei Wochen in Almas Leben tritt. Dieser geschaffene Mensch ist Tom (Dan Stevens). Tom entspricht optisch exakt den Vorlieben von Alma, ebenso in seiner Art zu reden und zu handeln. Dass er in seinen kognitiven und motorischen Fertigkeiten Menschen vollkommen überlegen ist, merkt man jedoch zunächst nicht. Die Begutachtung von Alma soll darüber entscheiden, ob geschaffene Menschen wie Tom zukünftig in der Gesellschaft tragende Rollen übernehmen können dürfen, so wie Arbeiten oder auch als Partner in einer Beziehung.

Alma besitzt gegenüber dem Konzept eines geschaffenen Menschen deutliche Vorbehalte, was besonders in der ersten Hälfte des Werkes für einige Situationskomik sorgt. Bei dem ersten Feedbackgespräch stellt die Sachbearbeiterin (Sandra Hüller) fest, dass Alma Tom wie einen Gegenstand behandle. Bis zu diesem Punkt sieht sie Tom auch als ebendies: einen Gegenstand. Das Tom durch seinen Umgang mit Alma zunehmend empathische Rückschlüsse zu seiner Partnerin zieht, bemerkt diese zunächst nicht oder ignoriert es bewusst. Zunehmend überwindet Alma ihre Ablehnung allerdings, was die filmische Dramaturgie in eine neue Richtung lenkt.

IchbinDeinMensch 1

Die Autorin der Kurzgeschichte Ich bin Dein Mensch – Ein Liebeslied, Emma Braslavsky, stellt dieser den Ursprung des Namens von Tom voran. Dort heißt es: „Tom von te’om (Hebr.) = Zwilling [;] Tom von tom (Hebr.) = Unschuld, Naivität“ (S. 17). Zu Beginn seiner Beziehung zu Alma ist Tom geprägt von Naivität und Unschuld, woraus eine gewisse Leichtigkeit und eine große Faszination entstehen, mit der er die Welt betrachtet und dabei stetig lernt. Auf gleich mehreren Ebenen ist Tom ein Zwilling. Zum einen entstammt er als geschaffener Mensch einer Art von Zwillingspezies des Menschen und zum anderen wurde er aus Vorstellungen, Sehnsüchten und Bedürfnissen von Alma erschaffen, die ihre Wurzeln in einer komplexen Datenerhebung haben. Folglich stellt Tom den idealen Partner für Alma dar. Die Kurzgeschichte selbst, wirkt allerdings eher so, als ob diese dem Film nachfolgen könnte. Denn hier leben Alma und Tom in einer glücklichen Beziehung, die allerdings ein Risiko für „die Zukunft der Liebe auf diesem Planeten“ (S. 17) darstellen könnte. Erwähnt werden sollte in diesem Zusammenhang zudem, dass die Kurzgeschichte von Emma Braslavsky keine romantische Komödie ist, sondern vielmehr als Zur Gattung Tragödie zugehörig zu betrachten ist.

IchbinDeinMensch 2In der filmischen Adaption von Maria Schrader steht die Beziehungskomödie im Mittelpunkt. Die Figurendynamik von Alma und Tom trägt den Film und funktioniert ausgezeichnet. Hier sind es die kleinen Momente, kleine Gesten des Zwischenmenschlichen, die immer wieder die Frage aufwerfen, was einen Menschen eigentlich zu einem Menschen macht. Dabei nimmt die Beziehung von Alma und Tom zunehmend komplexere Züge an. Maria Schrader gelingt es dabei den menschlichen Makel als essenzielles dramaturgisches Element in der Beziehung zu inszenieren. Diesen definiert Philip Roth in seinem gleichnamigen Roman als „Die Berührung durch uns Menschen hinterlässt einen Makel, ein Zeichen, einen Abdruck. Unreinheit, Grausamkeit, Missbrauch, Irrtum, Ausscheidung, Samen – der Makel ist untrennbar mit dem Dasein verbunden.“ (Philip Roth: Der menschliche Makel. Rowohlt, Reinbek 2003, S. 271–272) Das stimmungsvolle Ende von Ich bin Dein Mensch verquickt die Ambivalenz von Logik und Emotionalität mit eben dieser Berührung durch den Menschen und kehrt das Prinzip um, denn nicht nur hat Alma bei Tom Spuren hinterlassen, auch Tom hat Alma verändert. Das Ende ist ebenso still und stimmungsvoll wie das Werk insgesamt.

Fazit

Ich bin Dein Mensch ist ein großartiger Film, der ein Science-Fiction-Thema verwendet, um einer Beziehungskomödie eine überraschend starke philosophische Komponente hinzuzufügen. Unaufdringlich und authentisch wird hier ein weitreichender Konflikt zwischen Menschen und geschaffenem Menschen inszeniert, der mit erfreulicher Ambivalenz versehen ist. Ich bin Dein Mensch funktioniert auf mehreren Ebenen und ist ein Glanzstück deutscher Kinogeschichte, das zu Recht als deutscher Beitrag für die Oscars eingereicht wurde.

Noch eine Schlussbemerkung: In der Kaufversion auf DVD und Blu-ray wird insgesamt drei Mal das Logo des SWR und der ARD eingeblendet, was eine Frechheit ist und den Filmgenuss massiv beeinträchtigt, da einen diese Störung aus der geschaffenen filmischen Inszenierung herausreist.

IchbinDeinMensch ARD

Infokasten

„Ich bin Dein Mensch“ (Internationaler Titel: „I am Your Man“)

Regie: Maria Schrader

Drehbuch: Jan Schomburg, Maria Schrader und Emma Braslavsky

Literaturvorlage: „Ich bin Dein Mensch“ von Emma Braslavsky. Veröffentlicht in 2029 – Geschichten von morgen. Stefan Brandt, Christian Granderath und Manfred Hattendorf (Hg.) 2019. Berlin: Suhrkamp. S. 17-86.

Produzent: Letterbox Filmproduktion

Verleih: Majestic Filmverleih (Kino), Paramount Pictures

Laufzeit: 105 Minuten (uncut)

Deutschland | 2021

Veröffentlichung: Ab dem 23. September 2021 auf DVD, Blu-ray und als Video-on-Demand im Handel erhältlich.

Bildrechte: Die Bilder dieses Artikels sind Ausschnitte aus dem besprochenen Medieninhalt. Deren Rechteinhaber können Sie dieser Infobox entnehmen.

Letzte Änderung amDienstag, 05 Oktober 2021 11:01
Thomas Heuer

Dr. phil. Medienwissenschaft

Forscher, Fotograf, Filmemacher, Journalist, Gamer

Forschungsfelder: Immersionsmedien, Horror, vergleichende Mediendramaturgien, Game Studies, Medienethik und -philosophie

Abschlüsse: Medienwissenschaft M. A., Multimedia Production B. A., Facharbeiter Kommunikationselektronik

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„Der Traum ist ein zweites Leben. Ich habe nie ohne zu schaudern durch die Elfenbein- oder Horntore dringen können, die uns von der unsichtbaren Welt scheiden. Die ersten Augenblicke des Schlafes sind das Bild des Todes. Eine nebelhafte Erstarrung ergreift unsern Gedanken, und wir können den genauen Augenblick nicht feststellen, wo das Ich in einer andern Form die Tätigkeit des Daseins fortsetzt. Ein ungewisses unterirdisches Gewölbe erhellt sich allmählich und aus dem Schatten der Nacht lösen sich in ernster Unbeweglichkeit die bleichen Figuren, welche den Vorhof der Ewigkeit bewohnen. Dann nimmt das Bild Form an, eine neue Helligkeit erleuchtet diese Erscheinungen in wunderlichem Spiel: - es öffnet sich uns die Welt der Geister.“

– Gérard de Nerval in „Aurelia oder Der Traum und das Leben

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