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Film

We Need to Talk About Kevin

Filmszene (Ausschnitt) Filmszene (Ausschnitt)

We Need To Talk About Kevin schildert die verstörende Entwicklung eines andersartigen Jungen. Seine Mutter will ihn lieben, leidet aber unter seiner Wesensart.

Rezension

kevin-1Mit We Need To Talk About Kevin hat Regisseurin Lynne Ramsay eine Überblendung von Phantastik, Horror und Drama inszeniert, deren quälende Intensität im Verlauf der Handlung stetig anwächst. Denn ähnlich wie in The Prodigies läuft auch hier alles auf einen Punkt X zu, nur dass der in diesem Film sehr viel früher erkennbar wird. Was allerdings genau vorgefallen ist, wird geschickt durch eine achronische Erzählweise kaschiert, sodass der Zuschauer aus dem Leben der Protagonistin Eva (Tilda Swinton) vor und nach Tag X erfährt. Während zu Beginn noch viel in den Zeitebenen gesprungen wird und auf formaler Ebene die Zeiten miteinander verschmelzen, widmet sich der Film bald vornehmlich den Ereignissen vergangener Zeitebenen. Worauf auch immer alles hinauslaufen mag, schnell wird klar, dass es mit Eva und ihrem Sohn Kevin (Ezra Miller) zu tun hat. Denn das verstörende und zugleich andersartige Moment in der Psyche des Jungen ist seine Abneigung gegenüber seiner Mutter, die sich von klein auf in seinem erst bockigen, bald schon missachtenden Verhalten Ausdruck verleiht. Wie ungewöhnlich und anfangs auch noch tragikomisch wirkt es, dass Kevin als Baby in den Armen seiner Mutter – wenn er nicht gerade schläft – nichts Anderes tut als schreien. Kaum ist sein Vater Franklin (John C. Reilly) da, wird er seelenruhig. Es wirkt beinahe so, als sei ihm die Abneigung gegenüber Eva in Wiege gelegt worden, eine Eigenschaft, die andersherum der Mutter zum Fluch wird.

kevin-2 Der Filmtitel We Need To Talk About Kevin ist zugleich ein Satz mit Symbolcharakter, der das Problem auf den Punkt bringt: Etwas stimmt nicht mit Kevin, aber den Eltern gelingt es nicht, sich darüber zu verständigen. Eva äußert jenen Satz immer wieder gegenüber ihrem Ehemann Franklin. Der jedoch sieht nicht und versteht nicht, was an Kevins Verhalten ungewöhnlich sein sollte. Ihm gegenüber verhält sich der Sohn, wie schon anklang, völlig anders; er und sein Vater sind ein Herz und eine Seele. Durch dieses Unverständnis ist Eva innerhalb ihrer Familie völlig isoliert und den Gebaren ihres Sohnes schutzlos ausgeliefert. Dem Nervenzusammenbruch nahe ist sie trotz allem immer aufs Neue gewillt, Kevin eine Chance zu geben, damit sie ihm eine gute Mutter sein kann.

Spätestens zu dem Zeitpunkt, da Kevin ein junger Erwachsener ist, weckt der Film eine Vielzahl Assoziationen, was den Handlungsfortgang anbelangt. Denn fortan ist Kevins Verhalten nicht mehr nur das eines nicht zu bändigenden Jungen, sondern es vermischt sich mit der emotionsarmen Coolness eines Teenagers und der körperlichen Übermacht eines jungen Mannes gegenüber seiner Mutter. Die quälende Ausweglosigkeit einer hilflosen Frau schlägt in eine unterschwellige Bedrohung um, der auch Kevins kleine Schwester Celia ausgeliefert ist. Wenn der Sohn, den Eva als Mutter zu lieben versucht, zur stetigen Gefahr im eigenen Hause wird – eine vertrackte Konstellation, die sich nicht auflösen lässt – dann lässt sich ab diesem Handlungspunkt durchaus von Horror sprechen.

kevin-3We Need To Talk About Kevin ist ein gemach erzählter, aber nichtsdestoweniger harter Film, der gerade dadurch, dass er sich Zeit lässt und einzelne Phasen von Kevins Entwicklung schildert, umso unangenehmer – und im wahrsten Sinne des Wortes – quälend wird. Die Schnitte zwischen den Zeitebenen sorgen dabei nicht nur für Abwechslung, sondern polieren das Geheimnis um das finale Ereignis und den Verstrickungen, die dorthin führen, zudem ästhetisch auf. Ein spannender, geradezu bedrückender Film, der über gewöhnliches Unterhaltungskino hinausgeht und eine enorme schauspielerische Leistung von Tilda Swinton in der Rolle der Eva bietet – eine Schauspielkunst, die von den Oscar-Premierungen leider, aber wie nicht anders zu erwarten war, völlig unbeachtet blieb.

 

Trailer zu We Need To Talk About Kevin

Letzte Änderung amFreitag, 21 Juni 2019 18:51
Edvard Solstad

Edvard schreibt über Horror und Phantastik, deren literarische Formen ihn am meisten interessieren.

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„Mit Hilfe der Askese soll es manchen Buddhisten gelingen, eine ganze Landschaft aus einer Saubohne herauszulesen. Das hätten die ersten, die Erzählungen analysierten, gerne gekonnt: alle Erzählungen der Welt (sie sind Legion) aus einer einzigen Struktur herauszulesen.“

Roland Barthes in S/Z