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„Black Christmas“ aka. „Jessy – Treppe in den Tod”

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Bob Clarks Black Christmas von 1974 ist einer der drei Filme, die Wegbereiter für das Slasher-Subgenre des US-Horrorfilms waren.

Aus der Mediengruft: Wissenschaftliche Rezension und Einordnung

Im Verbindungshaus einer Studentinnen-Verbindung gehen am Weihnachtsvorabend obszöne Anrufe ein: Eine merkwürdige Stimme droht, beleidigt, flucht und kreischt die Studentinnen an. Zunächst wirkt das alles wie ein böser Telefonstreich. Am nächsten Tag ist eine der Studentinnen spurlos verschwunden, aber ihre gepackten Koffer stehen fertig für die Abreise in ihrem Zimmer. Ihr Vater ist besorgt und verständigt die Polizei. Zunächst interessiert die Sache den Beamten nicht besonders. Als dann allerdings ein weiteres Mädchen verschwindet und kurz darauf tot aufgefunden wird, nimmt die Polizei den Fall sehr ernst. Immer wieder gehen Anrufe im Wohnheim ein, während der Killer bereits eine beachtliche Opferzahl angehäuft hat.

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BC 2Der dramaturgische Ansatz ist bereits fast der eines Slashers. Auch hier gibt es einen Täter, der Jagd auf eine Gruppe von jungen Menschen macht. Allerdings wird in der Inszenierung nicht vollständig auf eine dichte Atmosphäre und Spannung gesetzt. Dies unterscheidet Black Christmas von Filmen wie dem Genre-Urgestein Halloween oder darauffolgenden Genrewerken. Black Christmas besitzt immer wieder komische Momente, die der Spannung entgegenwirken. Dadurch wird die Heftigkeit des Werkes konterkariert und zugleich die Intensität der gezeigten Schrecken abgemildert. 1974 war das Publikum noch nicht bereit für einen Film, der vollkommen ernsthaft mit Schrecken umgeht, die derart explizit brutal inszeniert werden. Tatsächlich wirkt die Gewalt in Black Christmas aus heutiger Sicht stark reduziert inszeniert, für die Zeit, aus der dieses Werk stammt, wird hier überraschend explizit vorgegangen. Neben Black Christmas sind zwei weitere Filme richtungsweisend für den US-Horrorfilm der Siebziger: The Texas Chainsaw Massacre (1974) und Der Umleger (The Town that Dreaded Sundown, 1976). Texas Chainsaw Massacre legt das humoristische Element mit dem ersten Mord vollständig ab (ohne dabei die ironische Perspektive auf die gezeigten Milieus zu verlieren) und konzentriert sich anschließend darauf, die inszenierten Schrecken zu intensivieren. Der Umleger ist aufgebaut wie ein Dokumentarfilm, der einer Polizeieinheit auf der Suche nach einem unbekannten Serienmörder folgt. Wie in einer Dokumentation üblich werden hier beispielsweise Stimmen aus der Gesellschaft eingebunden oder die Bilder aus dem Off kommentiert. Solch eine Form des Bruches mit der fiktionalen Wirklichkeit des Films findet sich in keinem der anderen genannten Filme, jedoch in einem anderen Werk aus dieser Zeit: Deranged: Confessions of a Necrophile (1974). In Der Umleger wird zudem immer wieder mit Situationskomik gearbeitet, wodurch der eigentliche Schrecken konterkariert wird. In ihrer Erzählform und der Kerndramaturgie sind die drei genannten Werke so aufgebaut, dass ein Killer Jagd auf Menschen macht und diese tötet. Die Gründe dafür sind unterschiedlich und werden nur in The Texas Chainsaw Massacre offenbar. Zwar werden Andeutungen dazu gemacht, warum der Killer tötet beziehungsweise welche Motivation den Taten zu Grunde liegt, aber eine klare Antwort geben die Filme nicht. Auch im Einsatz von Blut und expliziten körperlichen Gewaltszenen halten sich die Filme zurück. Die visuellen Schrecken ergeben sich aus dem Szenario (Texas Chainsaw Massacre), der Innenperspektive des Killers (Black Christmas) oder der Hilflosigkeit der Opfer (Der Umleger). Die Stärken aller drei Werke finden sich vereint in Halloween von John Carpenter, dem Film, der den Siegeszug des Slashers im US-Horror einläutete. Die Hochphase des Slasher-Subgenres hielt bis etwa 1981 an.

BC 3Die Innenperspektive des Killers ist die zentrale Neuerung für den amerikanischen Horrorfilm, die auch in der Eröffnungssequenz von Halloween angewendet wird und dort für viel Aufsehen und Lob sorgt. Black Christmas nutzt dieses Stilmittel bereits vier Jahre früher, in nahezu virtuoser Form. Ein übergeordneter Konflikt sorgt zudem für einen Spannungsaufbau von Beginn an, der sich über den Verlauf des Films intensiviert. Anders als in Texas Chainsaw Massacre gibt es in Black Christmas mehrere weitere Konflikte der Figuren und zusätzliche Erzählstränge, die zum Fortschritt der Gesamthandlung beitragen und den Charakteren sowie der Erzählwelt mehr Tiefe und Lebendigkeit verschaffen. Zudem stellt Black Christmas mehrere starke, emanzipierte Frauenfiguren in den Mittelpunkt der Erzählung, die von einem ungreifbaren, männlichen Antagonisten bedroht werden. Letzterer kann als eine Manifestation des unsichtbaren Patriachats gedeutet werden, das die freiheitlichen und selbstbewussten Wesenszüge der jungen Frauen unterdrückt. Black Christmas lässt sich insgesamt als ein feministisches Werk lesen, was einen spannenden Ansatz offenbart. Grade in einer Zeit der #metoo-Debatte wirkt der Film relevant wie nie, denn eine Auseinandersetzung zu „Mein Körper, meine Entscheidung“ definiert einen der Subplots des Werkes.

In Kürze startet das zweite Remake des Films in den Kinos, was uns dazu motiviert hat, das Original in einer 2K restaurierten Fassung einmalig ins Kino zu bringen. Wir präsentieren den Film am 11.12.2019 um 22:15 Uhr im Kino der Traum GmbH in Kiel als Teil der Reihe Mondo Grindhouse – Filme für den abseitigen Geschmack. Zwar ist die neu restaurierte Fassung am 06.12. von Capelight Pictures ebenfalls auf Blu-ray veröffentlicht worden, doch den Film auf der Leinwand sehen zu können, ist etwas Besonderes, das man sich nicht entgehen lassen sollte.

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Black Christmas mag heute nicht mehr so schrecklich wirken wie zu der Zeit, als der Film ursprünglich erschien. Die gesellschaftliche Relevanz des Werkes ist wieder sehr aktuell. Der Film ist ein unterschätzter Genreklassiker, der markante Spuren im Horrorgenre hinterlassen hat. Selbst der telefonierende Killer aus Scream (1996) wurde von diesem Film maßgeblich inspiriert. Durch die Machart ist Black Christmas allerdings ein zeitloses Werk, das erstaunlich gut altert. Der Film hat mit seiner werbenden Textzeile zudem sehr markiges Marketing betrieben: „If this movie doesn't make your skin crawl... It's on TOO TIGHT“.

Filmografie

Black Christmas, 1974, Regie: Bob Clark, Kanada (Deutscher Titel: Jessy – Treppe in den Tod)

Deranged: Confessions of a Necrophile, 1974, Regie: Jeff Gillen und Alan Ormsby, Kanada (Deutscher Titel: Besessen)

The Texas Chainsaw Massacre, 1974, Regie: Tobe Hooper, USA (Deutscher Titel: Blutgericht in Texas)

The Town that Dreaded Sundown, 1976, Regie: Charles B. Pierce, USA (Deutscher Titel: Der Umleger)

Trailer zu Black Christmas (1974)

Infokasten

Black Christmas“ (AT: Silent Night, Evil Night” DT: Jessy – Treppe in den Tod”)

Regie: Bob Clark

Drehbuch: Roy Moore

Produktion: Film Funding Ltd. Of Canada, Vision IV, Canadian Film Development Corporation

Verleih: Capelight Pictures (DVD, Blu-ray), Dropout Cinema (Kino)

Laufzeit: 98 Minuten (uncut)

Erstveröffentlichung: 11.10.1974 (Kanada)

Kanada | 1974

Veröffentlichung: Eine restaurierte Fassung erscheint am 06.12.2019 im Handel auf Blu-ray. Am 11.12.2019 präsentiert mellowdramatix den Film im Kino der Traum GmbH Kiel um 22:15 Uhr.

Bildrechte: Die Bilder dieses Artikels sind Ausschnitte aus dem besprochenen Medieninhalt. Deren Rechteinhaber können Sie dieser Infobox entnehmen.

Letzte Änderung amMittwoch, 11 Dezember 2019 05:03
Thomas Heuer

Dr. phil. Medienwissenschaft

Forscher, Fotograf, Filmemacher, Journalist, Gamer

Forschungsfelder: Immersionsmedien, Horror, vergleichende Mediendramaturgien, Game Studies, Medienethik und -philosophie

Abschlüsse: Medienwissenschaft M. A., Multimedia Production B. A., Facharbeiter Kommunikationselektronik

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