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„Monstress, Band 3: Die Zuflucht“ – Bedrohtes Utopia

Empfehlung Cover (Ausschnitt) Cross Cult Cover (Ausschnitt)

Maika Halbwolfs entbehrungsreiche Suche nach der Wahrheit über ihre Existenz als (scheinbar) verfluchtes Wesen geht weiter. Immer noch in hervorragender Qualität.

Rezension

Maika Halbwolf ist kein Mensch. Zwar sieht sie aus wie eine junge menschliche Frau, tatsächlich aber ist sie eine Arkane. Das sind in der „Dark Fantasy“-Welt von Monstress Mischwesen aus Mensch und Fabelwesen oder Mensch und Tier. Ob Mädchen mit Fuchsschweif und Fuchsohren, ob Männer mit Engelsschwingen oder ob Haimenschen als Seeleute, die Völker dieser fantastischen Welt sind ein buntgemischter Haufen, von niedlich bis unheimlich – und gewiss wäre es auch eine Welt, die sich bunt anfühlte, so reichhaltig und liebevoll gestaltet ist sie, gäbe es da nicht den Krieg und seine Folgen. Vertreibungen, ethnische Säuberungen und plötzlich entdeckte Massengräber, sogar Menschenexperimente sind an der Tagesordnung (nur sind es keine Menschen, an denen operiert wird, sondern Arkane). In dieser kriegsgebeutelten Welt ist Maika Halbwolf auf der Suche nach dem Vermächtnis ihrer verstorbenen Mutter. In Maikas Fall ist die Zugehörigkeit zu den Arkanen nicht sogleich sichtbar. Ihre Andersartigkeit reicht tief in ihre Persönlichkeit hinab, denn sie trägt ein Monster in sich, das ihre Eltern an sie vererbt haben: den uralten Gott Zinn, den es nach dem Fleisch der Lebenden hungert, sobald er vollends erwacht ist. Diese Sonderbarkeit ihrer Existenz macht Maika Halbwolf sehr bald zu einer Gejagten. Verschiedenste Parteien trachten nach der Macht, die in ihr wie ein dräuendes Verhängnis schlummert, darunter andere Götter wie Zinn. Götter, die auch Dämonen sein könnten. Ihre Körper sind schwarze, schlingernde Materie mit zahllosen mandelförmigen Augen, Tentakelknäuel, die gigantische Ausmaße annehmen können, sofern sie nicht, wie bei Maika, an einen Wirt gebunden sind. Sie drängen ins Diesseits, wer weiß warum, womöglich um über die Menschheit zu herrschen wie in grauer Vorzeit.

Auf nach Utopia und weg vom Krieg

monstress3 leseprobe 2Auf ihrer Reise strandet Maika Halbwolf mit ihren Freunden in Pontus. Diese Hafenstadt ist ein Utopia, das bisher von dem Krieg verschont geblieben ist. Hier leben die Menschen friedlich mit den Arkanen zusammen – ein seltener Anblick. Der Grund für diesen Frieden ist eine uralte Maschine, die bisher für Sicherheit sorgte. Nur wenige wissen noch, wie sie es macht, aber die Maschine kann einen Energieschild um die Stadt legen, der undurchdringlich ist. Leider ist dieser Schildgenerator schon seit geraumer Zeit abgeschaltet und seine magische Aktivierung mühsam. Da der Krieg heranrollt und plötzlich auch Pontus bedroht ist, stellt die hiesige Autorität Maika Halbwolf vor ein Ultimatum. Entweder hilft die junge Frau den Generator mit ihrer arkanen Kraft einzuschalten oder sie wird der Stadt verwiesen. Fatalerweise lauern nicht weit von Pontus bereits Maika Halbwolfs Häscher. Der Arkanen bleibt also kaum eine Wahl.

Die Comicreihe Monstress, deren dritter Band Die Zuflucht nun in Deutschland erschienen ist, begeistert aus vielen Gründen. Zum ersten ist da die düstere Fantasy-Welt, die durch die vielen fantastischen Völker und Kulturen nicht nur überwältigend und aufregend wirkt, sondern mit jedem Band, der ihre Historie weiteraufrollt, zudem an Tiefe und Komplexität gewinnt. Ein Beispiel für die phantasievolle Gestaltung der Völker sind die sprechenden Katzen, die keine Arkanen sind und politisch für sich stehen. Kulturell begreifen sich die Stubentiger als Poeten und Chronisten des Weltgeschehens, sind aber auch zur Totenmagie fähig – als Nekromanten, die im Original witzigerweise „nekomancer“ heißen („neko“ ist das japanische Wort für Katze).

Überzeugende Figuren mit komplexer Motivation

Zum zweiten werden die in Monstress dargestellten Kriegsgräuel nicht so stark geschönt wie oftmals in anderen Unterhaltungsmedien üblich. Stattdessen spürt man die eingewobenen Realitätspartikel. Geht es etwa um ein Flüchtlingscamp für Fuchsmenschen, die aus aller Welt vertrieben wurden und sich in Pontus sammeln, dann werden die Bezüge zu den Krisenherden unserer Erde offenkundig. Wie im realen Leben suchen auch in Pontus die Geflohenen nach ihren Familienmitgliedern, von denen sie in den Kriegswirren getrennt wurden. Ohne pädagogisch oder moralisierend zu werden, erzählt Monstress in bewegender Weise von den Schrecken des Krieges, ohne dabei zu vergessen, was es ist: ein Fantasy-Abenteuer, das nicht durchweg finster sein kann. Die Schreckensdarstellung geht über das gewöhnliche Maß hinaus, setzt sich aber auch selbst Grenzen. Die Protagonistin Maika Halbwolf veranschaulicht, wie der Krieg die Figuren zeichnet. Sie ist körperlich und seelisch versehrt. Ihre Mutter hat sie im Krieg verloren. Und seit sie Verfolgung, Gefangenschaft, Hunger, Erniedrigung und Sklaverei erfahren und überstanden hat, zeichnet die Frau eine zynische, geradezu nihilistische Haltung aus. Still ist sie, gefasst und ernst. Man weißt nicht, ob sie sich in ihr Schicksal gefügt hat und schlicht tut, was ihr die krassen Umstände abverlangen, um zu überleben. Oder ob da doch noch irgendwo ein Funke Glaube und Hoffnung in ihr glimmen.

montress3 leseprobe 1Zum dritten geht die Begeisterung für Monstress von den durchweg gelungenen, ambivalenten Figuren aus – ambivalent im Sinne von sowohl „widersprüchlich“ als auch „zerrissen“. Nicht nur sind die Figuren glaubhaft, sie verfügen außerdem über komplexe Motivationen, die den Beweggründen anderer Figuren zuwiderlaufen. Das gibt auf der einen Seite Raum für politische Intrigen und verdeckte Agenten wie in einem Thriller. Auf der anderen Seite verhindert die Ambivalenz allzu simple Gut-Böse-Schemata, wie man sie im Fantasy-Genre sonst zur Genüge hat (weshalb der dunkle Gott Zinn nicht bloß ein böser Fluch für Maika ist, vielmehr wird die Beziehung der beiden von Band zu Band komplexer). Die innere Widersprüchlichkeit der Figuren, die sie manchmal als Zerrissenheit erleben, erlaubt zudem großartige tragische Effekte. Stellvertretend hierfür kann der sprechende Kater Meister Ren angeführt werden, der sich – Achtung, Spoiler! – Maika Halbwolf angeschlossen hat, um sie für eine mafiöse Katzenorganisation auszuspionieren. In deren Schuld steht Meister Ren und beim Eintreiben von Gefälligkeiten geht die nicht zimperlich gegen ihn vor. Andererseits ist unklar, wie verpflichtet der undurchsichtige Kater sich tatsächlich fühlt, ganz unabhängig von den Androhungen, die ihm widerfahren. Zuletzt soll Meister Ren sogar eine gemeinsame Gefährtin ans Messer liefern, das Fuchsmädchen Kippa, die ihm just gestanden hat, dass er nach dem Tod ihrer Eltern zu ihrem besten Freund geworden sei. Ob er sie also verrät?

Liebevolle Details runden das Abenteuer ab

Neben all dem Gesagten sind es zudem die vielen liebevoll umgesetzten Ideen, kleine stimmige Details, die den Comic abrunden. Eine dieser guten Ideen ist Professor Tam Tam. Denn dieser alte Katzengelehrte erläutert zwischen den Kapiteln das eine oder andere, was für Maika Halbwolfs Abenteuer wichtig zu wissen ist. Zwar sollen die Leserinnen und Leser so auf ein, zwei Comicseiten über geschichtliche und kulturelle Zusammenhänge informiert werden, eigentlich aber wendet sich Professor Tam Tam an seine drei kleinen Katzenschüler, die ihm aufmerksam lauschen. Deshalb merkt man schnell, dass seine wenn auch kritische Perspektive ganz klar die des Katzenvolkes ist (mit Stolz und Überlegenheit vorgetragen). Einen alten „Pen & Paper“-Rollenspieler wie mich freuen solche erzählerischen Nuancen.

Monstress, Band 3: Die Zuflucht setzt die Comicreihe weiterhin in hervorragender Qualität fort, sowohl erzählerisch als auch die Illustrationen betreffend. Zwischen spannend geschriebenen Dialogen und knallharter Action findet der Band ein gutes Gleichgewicht. Weiter vertieft werden dabei die Hintergründe der fantastischen Welt sowie die Beziehungen der Figuren um Maika Halbwolf, erstmals mit einem besonderen Fokus auf dem naiven, aber glaubensstarken Fuchsmädchen Kippa, über das man bisher nur wenig erfahren konnte.

 monstress3 cover

Infokasten

„Monstress, Band 3: Die Zuflucht “ (OT: Monstress, Vol. 3: Haven)

Geschichte: Marjorie Liu

Illustration: Sana Takeda

Übersetzung: Michael Schuster

Sprache: Deutsch (Im Original: Englisch)

Verlag: Cross Cult

USA | 2018

192 Seiten, Softcover, Vollfarbe

Gelesen im Original.

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Letzte Änderung amMontag, 29 Oktober 2018 08:06
André Vollmer

Schriftsteller, der Kritiken schreibt. Gründer von Mellowdramatix. Am Meer geboren.

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Unter anderem auch das

„Phantastik, auch Fantastik, ist ein literarischer Genrebegriff, der in Fachkreisen sehr unterschiedlich definiert wird. Außerwissenschaftlich bezeichnet der Begriff „fantastisch“ alles, was unglaublich, versponnen, wunderbar oder großartig ist. Der Ursprung des Begriffs „phantastische Literatur“ ist ein Übersetzungsfehler: E. T. A. Hoffmanns „Fantasiestücke in Callots Manier“ wurden 1814 als „Contes fantastiques“ ins Französische übersetzt, statt richtigerweise als „Contes de la fantaisie“.“

– Wikipedia