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Romane

„Horrorstör“ – IKEA-Parodie mit kitschigen Horrorversatzstücken

Cover (Ausschnitt) Cover (Ausschnitt)

Der parodistische Horrorroman von Grady Hendrix ist weder humorvoll noch in der Inszenierung des Schreckens intensiv. Meist ist er albern oder langweilig.

Rezension (enthält Spoiler)

In Amys Leben ist einiges schiefgelaufen. Nach einem abgebrochenem Studium hat sie einen Haufen Schulden und ist nun, wenig motiviert, bei der Möbelkette Orsk gelandet, die eine direkte Kopie von IKEA ist und dessen skandinavischen Wohlfühl-Flair imitiert. Eines Tages jedoch – es beginnt mit dem Ausfall der Rolltreppe – bröckelt die schöne Welt von Orsk. Möbel der Ausstellung sind verdreckt, plötzlich kaputt oder nicht an Ort und Stelle. Der immer gutgelaunte stellvertretende Filialleiter Basil vermutet dahinter einen Eindringling, der nachts im Geschäft umherschleicht. Wäre nicht das erste Mal, wie er aus Erfahrung weiß. Also verdonnert er Amy dazu, mit ihm und ihrer Kollegin Ruth Anne Nachtwache zu schieben, als die Geschehnisse noch unerklärlicher werden. Eine alte böse Kraft sperrt die Filialarbeiter an ihrem Arbeitsplatz ein und zwingt sie, um ihr Überleben zu kämpfen.

In dem geschilderten Szenario entfaltet Horrorstör eine übernatürliche Bedrohung. Denn die Orsk-Filiale wurde an einem verfluchten Ort errichtet. Hier stand einst die Heilanstalt von Josiah Worth, der die Heilung seiner psychisch kranken Patienten darin sah, sie endlos sinnlose Arbeiten verrichten zu lassen, für die er extra Geräte hat bauen lassen. Entsprechend nennen die Patienten den Ort, der zu ihrem Gefängnis wird, den „Bienenstock“. Eines dieser teuflischen Geräte ist ein Kasten auf einer Stange, daran eine Kurbel, die Patienten stundenlang drehen mussten, ohne dass damit irgendeine Arbeit verrichtet würde. Jetzt, mehr als hundert Jahre später, kehren die Geister der Gequälten wieder und suchen die Angestellten der Orsk-Filiale heim, die ebenfalls endlos Unsinn verrichten müssen, ohne je weiterzukommen.

Horrorstör hintenHorrorstör vorneDer Roman von Grady Hendrix wurde in Deutschland schon 2014 veröffentlicht und verdient hier, drei Jahre später, nur eine Randnotiz aufgrund seiner Aufmachung, die den Schrecken der Romanhandlung auf die Illusion ausweitet, einen Möbelkatalog in Händen zu halten. Erzählerisch ist er furchtbar, aber seine paratextuelle Einbettung ist einen Blick wert (Was ist ein Paratext?). Gestaltet als der Katalog des fiktiven Möbelgeschäfts Orsk, ist der Romantext in Horrorstör mit weiteren Medien in Verbindung gesetzt, darunter Möbelskizzen mit ironischen Werbetexten, Coupons, Bewertungsbögen für Personal oder eine Karte mit Wegbeschreibung für die Orsk-Filiale, in der sich das Geschehen zuträgt (aber eigentlich sehen ja alle Filialen dieser Kette identisch aus).

Das für einen Roman unübliche Format und die Hochglanzoptik des Covers rufen das typische Bild eines Möbelkatalogs in Erinnerung, welches mit dem Fortgang der Geschichte allerdings gestört wird. Mit Zunahme des geschilderten Grauens werden auch die Medien, die die Fiktion des Katalogs stützen, immer düsterer. Schon die Gestaltung von Vorder- und Rückseite des Romans legen diese Entwicklung nahe: die eine präsentiert in knallig-hellen Farben das Möbelsortiment, die andere zeigt dessen Verfall in gräulichem Dunkel. Auch die Karte der Orsk-Filiale, die das erste ist, was der Leser sieht, wird am Ende gegen eine unheimlichere eingetauscht, die einen wirren Plan des „Bienenstocks“ zeigt.

Horrorstör 1Die Romankapitel sind nach Möbelstücken mit skurrilen Namen wie Liripip, Müskk oder Kjerring benannt, die in den jeweiligen Handlungsabschnitten eine Rolle spielen und zu Kapitelbeginn präsentiert werden. Auch die Auswahl der Möbel wird zum Ende hin grotesker. An die Stelle von Schränken, Stühlen und Aufbewahrungssystemen, die praktisch aussehen, ohne es zu sein, treten bald die morbiden Foltergeräte des Josiah Worth. Die Werbetexte, die den Skizzen beigefügt sind, preisen nicht länger ein scheinheiliges Lebensgefühl an, jetzt gehen sie in eine makabre Parodie dieser über. Eigentlich eine gute Idee, nur bleibt das so vermittelte Grauen plump und die parodistische Übertreibung belanglos. Der Humor zündet einfach nicht.

Über den Verlauf der Geschichte höhlt sich diese formale Gestaltung zudem aus, da die dargestellten Folterinstrumente in der Erzählung nur sporadisch oder gar nicht mehr auftauchen, daher keinen relevanten Erzählwert haben und das klischeebeladene Grauen nur weiter ausstaffieren. Statt das Zusammenspiel von Romantext und Paratext genau zu durchdenken, wurde die Form stur durchgezogen und gerät schnell ins Fade, ja geradezu Öde. Damit wurde das Potenzial verworfen, das in dem großartigen Ansatz steckt, die manipulative Feel-Good-Atmosphäre gewisser Möbelhäuser durch das Makabre zu demaskieren und mit dem „Bienenstock“ der sinnlosen Aufgaben zu parallelisieren.

Horrorstör 3Horrorstör 2Der Romantext selbst ist leider das Uninteressanteste an dieser Konzeption und kann auch Genrefans nicht empfohlen werden, weil er das Genre der Geistergeschichte bis auf seine grundlegenden Motive entleert und diese wenig kunstvoll abarbeitet. Weder ist das Grauen in seiner Darstellung verstörend oder wenigstens intensiv, noch ist die Parodie des Arbeitsalltags in der Filiale einer großen Möbelkette treffend oder witzig abgefasst worden.

Hinzu kommen stereotype Figuren, die für das Geschehen plötzlich völlig irrelevant werden, und die halbgare Darstellung eines Found-Footage-Szenarios. Seltsam, dass es in diesem Roman wie in vielen eher dürftigen Horrorgeschichten eine sexuell freizügige Frau gibt, die als Dummchen inszeniert wird und von einem Mann entsprechend ausgenutzt wird. Und wie so oft ist sie die erste, die es erwischt – als wollte uns die Geschichte klarmachen, dass die (vorgeblich) Unmoralischen auf jeden Fall von dem Bösen gerichtet werden. Dass also lediglich die Figuren überleben, die moralisch integer sind, ist mehr als von gestern und hat nichts mit moderner Narration zu tun, die zwischen Gut und Schlecht gar nicht mehr trennen will. Das zu entscheiden, obliegt den Lesern während der Lektüre, nicht dem Romanautor.

Horrorstör ist, trotz seines interessanten Ansatzes, ungewollter Trash und allzu billiger Horror.

Infokasten

„Horrorstör“ (OT: Horrorstor)

Autor: Grady Hendrix

Verlag: Knaur

Seitenstärke: 276 Seiten

USA 2014

Gelesen in der Übersetzung von Jakob Schmidt.

Letzte Änderung amFreitag, 25 August 2017 05:43
André Vollmer

Schriftsteller, Philologe und Journalist (Germanistik & Skandinavistik, M.A.)

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