log in

Film

„Das Lustschloß der Doktor Frankenstein“, eine Kurzfilm-Mockumentary

Filmstill (Ausschnitt) Verein für Filmarchäologie Kiel-Hassee e. V. Filmstill (Ausschnitt)

Der Kurzfilm Das Lustschloß der Doktor Frankenstein ist eine humorige Hommage an erotischen Fetisch-Film und italienischen Giallo der 70er.

Rezension

Lustschloss5Dirk Specht, der Vorsitzende des Verein für Filmarchäologie Kiel-Hassee e. V., berichtet in diesem dokumentarischen Beitrag von dem Fund eines verlorengeglaubten Filmwerks. Bei einer Haushaltsauflösung ist Filmmaterial auf Negativ aufgetaucht, dass nur in Teilen gerettet werden konnte. Die Ausführungen werden von zwei Ausschnitten aus dem gefundenen Film unterbrochen. Specht erklärt die Relevanz des Fundes und gerät dabei ins Schwärmen. Bei dem Fund handelt es sich um Das Lustschloß der Doktor Frankenstein, einem vermutlich italienischen Film, der in einer deutschen Fassung vorliegt. Neben Teilen des Vorspanns und der Eröffnungssequenz, die, genretypisch, etwas Düsteres andeutet, gibt es noch eine zweite Szene zu sehen, in der die Schaffung eines künstlichen Wesens zur Lustbefriedigung der Doktor Frankenstein thematisiert wird.

Lustschloss1

Lustschloss3Der Kurzfilm von Dirk Specht, dem Mastermind hinter Skate Cop – Rache auf Rollen, strotzt vor Referenzen und weiß zu unterhalten. Dabei gerät besonders die Rahmung von Dirk Specht zu einem Highlight. Pointiert wird hier hochtrabend über ein Werk gesprochen, das deutlich an einen Softporno erinnert, als ob es ein heiliger Gral der Filmgeschichte wäre. Ein Skandalwerk, um das sich Mythen ranken, ein verbotener Film, von dem besondere Macht ausgehen soll. Damit liefert Dirk Specht, der ebenfalls das Drehbuch verfasst hat, eine exemplarische Parodie all jener Rezensionen, Besprechungen und pseudowissenschaftlichen Auseinandersetzung, die eigentlich nicht mehr sind als das Gerede von Fans, die eine Relevanz für ihre eigene Begeisterung erschaffen. In dieser Form bietet Das Lustschloß der Doktor Frankenstein einen Beitrag zur Kunst- und Kulturkritik im heutigen Zeitgeist. Nicht alles, was wichtig klingt, ist auch wichtig, kann hier als Resümee erkannt werden. Besonders die Ernsthaftigkeit und der Eifer, mit dem Dirk Specht seine Überzeugungen und Ansichten präsentiert, ist exzellent gelungen.

Aber auch die Szenen des „gefundenen“ Films sind stimmungsvoll gelungen. Sie sind zugleich anspielungsreich und bedienen Klischees, unterhalten aber genau durch diese Überzeichnung. Weitreichende Genrekenntnis von Regisseur Dirk Specht ist beiden Szenen des gefundenen Materials deutlich anzumerken. Das Ensemble hat sichtlich Spaß am Spiel und auch die Postproduktion sorgt dafür, dass der Film authentisch wirkt, wie ein Werk aus einer anderen Zeit. Die Kameraarbeit ist ebenfalls gelungen, wirkt aber etwas zu dynamisch und modern für die Zeit, aus der das Material behauptet zu sein. Daran wird sich aber sicher kaum jemand stören. Die Ausstattung ist ebenfalls gelungen, der eine gezeigte Splattereffekt ist deftig und verdeutlicht, dass weniger manchmal mehr ist.

Lustschloss7Dieser Kurzfilm wird in der Filmreihe Mondo Grindhouse – Filme für den abseitigen Geschmack im Vorprogramm zu Messer im Herz gezeigt (28.02.2020). Das Lustschloß der Doktor Frankenstein passt exzellent ins Vorprogramm, da auch hier unterdrückte Lust und das Ausleben von Trieben thematisiert werden. Diese Mockumentary bietet mehr Humor als Schrecken und unterhält besonders durch die Einordnung des Materials, ohne die gezeigten Inhalte zu reflektieren. Dabei bieten eben diese selbst etwas, dass einen spannenden Diskurs andeutet, den der gefundene Film möglicherweise zum Thema hatte: selbstbestimmte weibliche Lust.

Lustschloss5

Letzte Änderung amFreitag, 26 Juni 2020 10:15
Thomas Heuer

Dr. phil. Medienwissenschaft

Forscher, Fotograf, Filmemacher, Journalist, Gamer

Forschungsfelder: Immersionsmedien, Horror, vergleichende Mediendramaturgien, Game Studies, Medienethik und -philosophie

Abschlüsse: Medienwissenschaft M. A., Multimedia Production B. A., Facharbeiter Kommunikationselektronik

Schreibe einen Kommentar

Unter anderem auch das . . .

„Das Recht zur Kritik ist, sozusagen, ein ästhetisches Naturrecht.“

– Hugo Dinger: Dramaturgie als Wissenschaft. Bd. 1. Leipzig 1904, S. 318.

Cookie-Einstellungen