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Film

Fantasy Filmfest Tag 5: On the Road, Verschwörungen und Schaafe

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Heute im Programm: Night Drive,  Coming Home in the Dark, Dashcam, Lamb und Blood Conscious.

Veranstaltungsbericht und Kurzkritiken

Der heutige Tag markiert den Punkt, an dem das Festival halb vorbei ist. Mit vielen interessanten Beiträgen lockt das Programmheft auch heute sein Publikum an. Bei den ersten Filmen ist es noch sehr leer, bevor bei Lamb der Saal erstmals gut gefüllt ist. Einige positive Überraschungen sind heute im Programm zu finden: Night Drive und Coming Home in the Dark sowie der melancholisch poetische Lamb. Eine negative Überraschung stellt hingegen Dashcam dar, der an seinem eigenen mutigen Ansatz scheitert. Zum Tagesabschluss gibt es mit Blood Conscious noch einen ungewöhnlichen Dämonenfilm, bei dem viele Fragen unbeantwortet bleiben.

Night Drive

Night DrAußer seinem Auto ist Russel (AJ Bowen) nichts mehr geblieben. Früher war er App-Entwickler, jetzt nimmt er Fahrten per App an und kutschiert Leute durch die Stadt. Seine letzte Kundin vor Feierabend ist Charlotte (Sophie Dalah), die ein paar Sachen von ihrem Verflossenen abholen will. Als die Sache eskaliert, müssen die beiden schnell das Weite suchen und es beginnt eine irre Nachtfahrt, in der Charlotte ihr wahres Gesicht zeigt.

Night Drive ist ein abgefahrener Trip, der mit einigen überraschenden Wendungen aufwartet. Spannend ist, wie sich das Verhältnis zwischen den Hauptfiguren entwickelt. Ein Machtgefälle entwickelt sich, gegenseitige Abhängigkeiten entstehen und die machtlosere Figur wird von der machtvolleren Figur in immer irrsinnigere Eskapaden verwickelt. Das Finale ist mehr als unerwartet und verschiebt den Film in den Genres, erklärt die Irrfahrt aber rückwirkend auf sehr clevere Weise.

Infozeile: „Night Drive“, R: Brad Baruh und Meghan Leon, USA 2019, derzeit kein dt. Verleih

Coming Home in the Dark

Coming 3Zwei feindselige Fremde überfallen eine Familie auf einem Camping-Ausflug. Was wie Funny Games im Auto beginnt, entpuppt sich zunehmend als eine persönlich motivierte Vendetta. Dieser Film ist nichts für schwache Nerven, überaus heftig und aus gleich mehreren Gründen – die hier nicht offenbart werden sollen – als ein Werk des „extremen Films“ einzustufen.

Der bisher düsterste Beitrag im „Fresh Blood“-Wettbewerb um den Publikumspreis beim Fantasy Filmfest 2021 ist ein sperriger Film voller wirklichkeitsnaher Schrecken und nachspürbarer Terrorerfahrungen. Viele Besucher*innen haben bereits während der Vorführung den Saal verlassen und entsprechend schlecht dürfte die Bewertung für den Film ausfallen, der allerdings überaus sehenswert ist. Coming Home in the Dark ist einer der bösartigsten Horrorfilme der vergangenen Jahre, unter anderem auch aufgrund seiner kompromisslosen und (innerhalb der Erzählung) unreflektierten Gewaltspitzen.

Infozeile: „Coming Home in the Dark” R: James Ashcroft, Neuseeland, 2021, Capelight Pictures

Dashcam

Dashcam versucht eine investigative Recherche anhand der Betrachtung von Quellmaterial zu inszenieren. Dabei wird das Material von einem Cutter analysiert und aufbereitet, wodurch er einer weitreichenden Vertuschung eines politischen Mordes auf die Spur kommen könnte. Da der Film über weite Teile aus der Desktopoberfläche eines Apple-Computers besteht – mit einigen Facetime-Gesprächen unterbrochen – und dabei primär in der Schnittsoftware Adobe Premiere Pro agiert wird, ist dieser Ansatz äußerst ungewöhnlich.

Das Werk scheitert am selbstauferlegten Ansatz. Nach einem langatmigen Beginn mit uninteressanten Facetime-Gesprächen zwischen dem Protagonisten Jake (Eric Tabach) und anderen Personen bekommt der Cutter zufällig Zugriff auf eine geheime Untersuchungsakte. Er beginnt damit das Material zu sichten und träumt davon endlich als Journalist tätig zu werden. Doch was interessant beginnt, fühlt sich nach einigen Momenten an, als würde man jemandem beim Schneiden zugucken – Anmerkung: ich weiß, wovon ich hier spreche – und langweilt zunehmend. Die Plot-Punkte der Erzählung sind im Kontext der gewählten dramaturgischen Inszenierung wenig zielführend platziert. Aber es ist nicht nur das, weshalb Dashcam wenig gelungen ist. Social-Media-Sternchen Eric Tabach als Protagonisten zu casten, scheint irgendwer eine gute Idee gefunden zu haben, doch die darstellerischen Fertigkeiten wirken mit Voranschreiten des Werkes stark limitiert. Da der Film im Grunde eine One-Man-Show ist, entscheidet die Besetzung auch über Erfolg oder Misserfolg des Werkes. Zusätzlich überwindet der Film letztendlich jede Form von Ambivalenz, was das Ende sehr plump gestaltet.

Infozeile: „Dashcam“, R: Christian Nilsson, USA, 2021, derzeit kein dt. Verleih

Lamb

lambNahe den nebligen Berggipfeln züchten Maria (Noomi Rapace) und Ingvar (Hilmir Snær Guðnason) Schafe. In dieser abgelegenen Gegend Islands gehen sie ihrer Arbeit nach, ohne viel miteinander zu reden. Ein Verlust liegt schwer auf ihrer Ehe. Hoffnung gibt ihnen erst wieder die Geburt eines besonderen Lamms, das Maria hütet wie ihr eigenes Kind. Ingvar beäugt das Verhalten seiner Frau erst skeptisch, doch dann freundet er sich mit dem Gedanken an, dass wieder ein Kind durch die Flure seines Hauses laufen wird.

Lamb ist ein ruhiger Film, der von einer Mutter erzählt, die alles dafür geben würde, wieder ein Kind zu haben, selbst wenn es nicht das eigene ist und es eigentlich in eine andere Familie gehört. Von Anfang an macht der Film klar, dass etwas Unheimliches und Phantastisches in den Bergen vor sich geht. Der Film spielt damit, dem Publikum Informationen vorzuenthalten. Bald allerdings legt er offen, wie besonders jenes Lamm ist, das Maria als ihr neues Kind auserkoren hat und das sie gegen alles, was es ihr wieder wegnehmen will, verteidigen wird. In Lamb nimmt das Phantastische nicht so sehr die Funktion des Erstaunlichen und Bedrohlichen ein. Vielmehr ermöglicht es, eine Geschichte über einen verzweifelten Kinderwunsch in ungewöhnlicher Weise zu erzählen. Mit dem unverhofften Auftauchen von Ingvars Bruder Pétur (Björn Hlynur Haraldsson) wird die neu gewonnene Dreisamkeit aus Vater, Mutter und Kind aufgebrochen und die Geschichte spitzt sich zu.

Infozeile: „Lamb“, R: Valdimar Jóhannsson, Island, Schweden, Polen 2021, Koch Films

Blood Conscious

BloodC TextAls Kevin und seine Schwester Brittney gemeinsam mit ihrem Verlobten Tony am abgelegenen Urlaubsort ankommen, finden sie die anderen Urlauber*innen tot vor.

Eine Kurzrezension ist bereits veröffentlicht worden und findet sich hier (LINK).

Infozeile: „Blood Conscious“, R: Timothy Covell, USA, 2021, derzeit kein dt. Verleih

Letzte Änderung amFreitag, 29 Oktober 2021 22:52
Thomas Heuer

Dr. phil. Medienwissenschaft

Forscher, Fotograf, Filmemacher, Journalist, Gamer

Forschungsfelder: Immersionsmedien, Horror, vergleichende Mediendramaturgien, Game Studies, Medienethik und -philosophie

Abschlüsse: Medienwissenschaft M. A., Multimedia Production B. A., Facharbeiter Kommunikationselektronik

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„Jahre waren es, da lebte ich nur im Echo meiner Schreie, hungernd und auf den Klippen des Nichts. […] Bis mich die Seuche der Erkenntnis schlug: es geht nirgends etwas vor; es geschieht alles nur in meinem Gehirn. Nun gab es nichts mehr, das mich trug.“

 Gottfried Benn

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