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Serie

„Dead Pixels“ – Bitterböse Gaming-Satire

Nicky und sein Avatar Channel 4, Various Artists Nicky und sein Avatar

Wäre das Leben ein Monitor, wären die Gamer dieser sehr britischen Sitcom die toten Pixel darin — sie leuchten nicht im Real-Life, sondern zocken, zocken, zocken.

Rezension

Zwar wohnen Meg und Nicky (Alexa Davies, Will Merrick) zusammen, doch oft begegnen sie einander deswegen nicht. Wenn sie nicht im Büro ackern, sitzen sie Wand an Wand in ihren Zimmern und kämpfen sich gemeinsam durch das Online-Game Kingdom Scrolls. Ganz anders ihre Mitbewohnerin Alison (Charlotte Ritchie), die nicht viel mit Videospielen anfangen kann, aber so viel Verständnis für ihre Mitbewohner aufbringt, wie sie kann. Mit Engelsgeduld versucht sie Meg und Nicky zu überreden, mehr im Real-Life zu unternehmen. Und dann ist da noch Usman (Sargon Yelda), ein Mitspieler aus den USA, der den amerikanischen Albtraum verkörpert, weil er lieber zockt als sich um seine Familie zu kümmern. Aufgemischt wird das eingespielte Team, als Meg jemand Neues in die virtuelle Fantasy-Welt mitbringt: ihren Kollegen Russel (David Mumeni), den sie scharf findet. Doch Russels anfängliche Begeisterung für das Spiel entpuppt sich bald als kindlicher Spieltrieb. Er kann einfach nichts ernst nehmen, schon gar nicht ein Videospiel, das für Meg, Nicky und Usman allerdings etwas verdammt Ernstes ist.

Dead Pixels polarisiert

dead pixels 1Entweder man mag diese britische Sitcom oder mag man sie nicht. Ein Grund dafür, den man in Zuschauerkritiken häufig liest: Man müsse Gamer sein, um die Witze zu verstehen. Für einen Teil des Humors stimmt das. Da würde ich sogar weiter eingrenzen: Man muss Spieler*in von Online-Computerrollenspielen (MMORPG) sein. Dead Pixels kann aber auch für Nicht-Gamer lustig sein. Der Fallstrick für ein internationales Publikum, darunter gerade für ein deutsches, könnte eher der bisweilen schmerzhaft schwarze Humor sein, den man Briten nachsagt. Wer lachen kann, wenn’s eigentlich schon wehtut, ist bei Dead Pixels richtig. Denn diese Serie ist bitterböse.

Man könnte auch leicht die Moralkeule schwingen und den Humor wegen der Klischees und Zuspitzungen kaputtschlagen, indem man sagt: Gamer würden wie narzisstische empathielose Süchtlinge dargestellt, die sich für ihre Sucht prostituieren (siehe Nicky, der für Ingame-Gold alles Mögliche im Spiel macht). Tatsächlich geht es weniger um Klischees als um Extreme. Die Gamer in Dead Pixels sind wirklich spielesüchtig, aber nicht nur das: Sie können außerdem nicht mit Gefühlen umgehen, weder mit ihren noch mit denen anderer. Sie finden sich im Real-Life partout nicht zurecht und ersetzen es durch eine Online-Welt, deren Herausforderungen sie meistern wollen, koste, was es wolle. Da ihr Selbstwertgefühl von dem Spielerfolg abhängt, unterwerfen sie sich dem Spiel, ordnet ihr Leben so, dass sie möglichst lange und möglichst erfolgreich zocken können.

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Hin und wieder lockt aber auch das Leben jenseits der Monitore, vornehmlich, wenn es um Sex geht. Gerade Meg versucht immer wieder, angespornt durch Alison, soziale Kontakte zu knüpfen, woraufhin sie das Spielen vernachlässigt und von Nicky gedisst wird, ob sie jetzt auch ein Normalo mit gesundem Sexleben werden wolle. Die beiden ziehen sich gegenseitig immer wieder in ihre Online-Welt, indem sie einander alles, was nicht mit dem Spiel zu tun hat und als normal gilt, madig machen.

Grotesk, düster und sehr witzig

dead pixels 3So beschrieben ist Dead Pixels grotesk und düster. Tatsächlich ist die Serie aber sehr witzig, auch wenn einem das Lachen bisweilen im Halse stecken bleibt: War das gerade lustig oder traurig? Bizarr war es in jedem Fall. Immer wieder changiert die Serie zwischen Awkwardness, urkomischen, oft absurden Momenten und psychischen Abgründen. Genau deswegen kann die Serie auch für Nicht-Gamer lustig sein, denn auch sie sehen die Diskrepanz zwischen dem sogenannten echten Leben und dem Computerspiel. Dabei sind die Hardcore-Gamer in negativen Eigenschaften so stark überzeichnet, dass man sie unmöglich für realistisch nehmen kann. Stattdessen sind diese Figuren eher satirisch zu verstehen.

Wenn Satire allerdings auf die Schwachen gerichtet ist, hier Spielsüchtige, läuft sie Gefahr, schlicht bösartig zu werden. Was wäre dann die entlarvende Bewandtnis der Satire? Gaming ist mittlerweile ein so weitverbreitetes Hobby mit einem so gigantischen Wirtschaftsmarkt dahinter geworden, dass niemand ernsthaft behaupten kann, in Dead Pixels würde auf einem nerdigen Hobby herumgehackt. Im Gegenteil werden die Figuren zum Reflektor einer berechtigten Kritik — etwa an der süchtig machenden Idee, mit Echtgeld in Videospielen Lootboxen zu kaufen, die dann beim Öffnen zufällige Items droppen, oder an dem Missstand, dass Menschen Hatespeech, Cyberbullying und Shitstorms ausgesetzt werden.

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Diese Kritik kommt nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern wirkt durch schwarzen Humor der Serie, der einen entweder zum Lachen bringt oder einem die Sprache verschlägt. Die Figuren in Dead Pixels vereinen also viele unsympathische Züge auf sich. Die Serie schafft es dennoch, sie nicht zu Schablonen verkommen zu lassen, sondern sie trotz ihres überzeichneten Charakters wie Menschen mit echten Gefühlen und Problemen darzustellen, Menschen, mit denen man mitfühlen kann, aber die mit ihren Gefühlen und Problemen ziemlich weird umgehen.

Kingdom Scrolls, das Arschloch-Game

dead pixels 7Manche Aspekte der Serie sind trotzdem zu abstrus, zumindest mir, darunter die Darstellung der Ingame-Szenen, also wenn Spielszenen innerhalb des fiktiven Online-Computerrollenspiel Kingdom Scrolls gezeigt werden. Dort sind Dinge möglich, die es in keinem mir bekannten Online-Spiel gibt, das sich einer größeren Spielerschaft erfreut. Kingdom Scrolls wirkt auf mich wie ein Arschloch-Spiel, in dem Arschlöcher all das tun können, was Arschlöcher gern tun. Oft sind Online-Computerrollenspiele aber eher wie große Entertainmentparks mit festgelegtem Regelwerk, in denen man gemeinsam oder gegeneinander spielen kann, ohne dass man sich by design gegenseitig entwürdigen soll (in Text- und Voice-Chats kann es trotzdem passieren). Aber auch Kingdom Scrolls ist offenbar von bösem Humor durchdrungen.

Ohnehin gilt: Falls es Zuschauer*innen gibt, die ernsthaft glauben, Hardcore-Gamer wären wie die Figuren in Dead Pixels oder Online-Games wären alle wie Kingdom Scrolls, dann ist das kein Problem dieser Serie, die eben kein Aufklärungsfilm über Online-Gaming sein will, sondern eine Sitcom ist, die Dinge zuspitzt, um sie dann umso besser durch den Kakao zu ziehen. Damit hat diese Serie einen anderen Fokus als die Kultwebserie The Guild, mit der Dead Pixels viel verglichen wird. The Guild ist weniger aufwändig produziert, aber nach wie vor sehenswert. Für diejenigen, die einen eher liebevolleren Umgang mit Gaming suchen und schrullige sympathische Figuren mögen, ist The Guild die bessere Wahl als Dead Pixels.

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Fazit: Achtung, schwarzer Humor!

Dead Pixels ist eine gnadenlos überzeichnete, schwarzhumorige Sitcom über Hardcore-Gamer, die weder mit ihren Gefühlen noch mit dem Real-Life klarkommen, aber die sich auf ihre verquere Art gegenseitig dabei zu helfen versuchen. Zugleich übt die Serie auf dem Weg der Satire Kritik an den dunklen Seiten des Gamings. Für mich war Dead Pixels wie ein Unfall: Man möchte nicht hinsehen, aber tut es doch — und plötzlich musste ich lachen. Die zwei Staffeln der Serie sind noch bis zum 6. Juni in der ZDF-Mediathek abrufbar.

 

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Trailer zu Dead Pixels (Fernseh-Trailer für E4)

 

Infokasten

„Dead Pixels“, Staffel 1-2

Schöpfer: Jon Brown

Regie: Al Campbell, Jamie Jay Johnson

Drehbuch: Jon Brown

Laufzeit: 25 Minuten / 2 Staffeln à 6 Folgen

Produzent: Channel 4, Various Artists

Verleih: ZDFneo (Fernsehausstrahlung, Video-on-Demand in ZDF-Mediathek bis 6. Juni 2021), DVD (WVG Medien GmbH)

Großbritannien | 2019 (Staffel 1), 2021 (Staffel 2)

Veröffentlichung: 10. April 2021 (Video-on-Demand, beide Staffeln), 28. Mai 2021 (DVD, Staffel 1)

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Letzte Änderung amDienstag, 18 Mai 2021 20:25
André Vollmer

Schriftsteller. Forscher. Phantast. Am Meer geboren. Gründer von Mellowdramatix.

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„Ein Rezensent, siehst du, das ist der Mann, / Der alles weiß, siehst du, und gar nichts kann!“

– Ernst von Wildenbruch in seinem Trauerspiel Christoph Marlow (1884)

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