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Comics

„Ousama Game“ beginnt spannend, aber verliert bald an Intensität

Cover von Band 3 (Ausschnitt) Calsen Manga Cover von Band 3 (Ausschnitt)

Ousama Game schildert ein perfides Folterspiel, das in Band 2 und 3 Fahrt aufnimmt, aber repetitiv bleibt. Was in Band 1 gut wirkte, wird jetzt melodramatisch.

Eine poetologische Rezension

Schon in der Rezension zum ersten Band der Mangareihe Ousama Game – Spiel oder Stirb! stellte sich die Frage nach dem möglichen Fortgang des engen Szenarios: Ein Unbekannter namens Ousama zwingt eine Schulklasse täglich per SMS Befehle auszuführen, die erst Mutproben gleichen, dann unter die Gürtellinie gehen und schließlich alle moralischen Grenzen sprengen. Wer nicht gehorcht, stirbt. Der Schrecken manifestiert sich in Band 1 durch das ausführliche geschilderte Leid der Überlebenden, die Freunde oder den geliebten Schwarm verlieren mussten. Sie entwickeln Schuld- und Angstgefühle ob ihrer Machtlosigkeit.

Leider entwickelt sich die Reihe in Band 2 und 3 kaum weiter. Zwar haben die Aufgaben bereits jegliche moralische Grenze hinter sich gelassen, sodass in der Schulklasse mittlerweile eine Mentalität des „Du oder Ich“ eingetreten ist, aber trotz aller Dramatik will sich das Grauen nicht so recht einstellen. Das liegt zum einen an der Stagnation der Erzählung, da derselbe Konflikt wie in Band 1 vorliegt, die Figuren aber nach wie vor keine Möglichkeit haben, Ousama etwas entgegenzusetzen. Zum anderen liegt es an der melodramatischen Erzählweise. Die Figuren weinen ohne Unterlass, sie schwören sich Treue und entschuldigen sich unentwegt für ihre Unfähigkeit, aber sie entwickeln sich nicht weiter und verharren in der Opferrolle. Insbesondere der Protagonist Nobuaki kann nicht aufhören, über seine Schuldgefühle zu lamentieren. Es muss die Frage erlaubt sein, weshalb er es sich überhaupt zum Auftrag gemacht hat, alle Teilnehmer des Ousama Games retten zu wollen. Immer wieder ruft er als der moralische Kompass, der er ist: Menschen können doch nicht einfach so sterben!

Das Problem ist nicht, dass derartige Gefühle in Erzählungen eine Rolle spielen, nein, das große Leid angesichts einer ausweglosen Situation ist legitim, oft sogar notwendig und kann in einer gekonnten Inszenierung überwältigend und dann vielleicht auch kathartisch wirken (Was ist Katharsis?). Der Pathos, den ich hier meine, hat allerdings nichts mit Melodramatik gemein. Das Melodramatische lebt dem Rezipienten die Gefühle vor, die er zu haben hat. Hier sind es die Figuren, die nicht nur leiden, sondern es auch ausufernd zeigen und betonen, wie unmoralisch und furchtbar die Situation ist, damit es der Rezipient auch ja mitkriegt. Die Inszenierung ist übertrieben, die Dramatik der Situation immens. Derart kann der Rezipient sich betroffen zeigen, mietfiebern und Mitleid empfinden, aber das Leid ergreift ihn nicht unmittelbar.

Eine pathetische Schilderung hingegen will, dass das Leid der Figuren das des Rezipienten wird, und zwar nicht unbedingt durch eine pompöse Inszenierung. Hier werden Melodramatik und Pathos oft miteinander verwechselt. Letzterer kann auch sachlich-realistisch daherkommen, um nicht zu sagen: kühl. Das kann gelingen, indem die Erzählung sowohl auf das Zeigen großer Gefühle als auch auf den moralischen Kompass gerade verzichtet. Derart kann im stummen Blick eines Protagonisten alles enthalten sein, weil er weder heulen, Haare raufen noch zum Himmel schreien muss, damit der Rezipient sich in diesem Blick spiegelt. Es ist die Lage selbst, die Ausweglosigkeit des Dilemmas, die durch alles, was zuvor erzählt wurde, plötzlich in diesem einen Blick aufscheint.

Hieran scheitert Ousama Game – Spiel oder Stirb! wie viele andere Medieninhalte auch, die eher reißerisch als mitreißend sind, und wirkt in seiner überbordenden Dramatik pubertär. Die Zielgruppe ist daher auch eher in der Jugend zu suchen und dort mag eine derartige Inszenierung ihre Berechtigung haben.

ousama bd3

Infokasten

„Ousama Game – Spiel oder stirb!“, Band 2 & 3 von 5

Geschichte: Nobuaki Kanazawa

Zeichnungen: Hitorie Renda

Übersetzung: Antje Bockel

Sprache: Deutsch

Verlag: Carlsen Manga

Japan 2010

Letzte Änderung amMittwoch, 13 September 2017 13:30
André Vollmer

Schriftsteller, Philologe und Journalist (Germanistik & Skandinavistik, M.A.)

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