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Film

„Candyman: Farewell to the Flesh (1995)“ – Dasselbe nochmal?

Filmszene (Ausschnitt) PolyGram Filmed Entertainment, Propaganda Films Filmszene (Ausschnitt)

Die erste Fortsetzung zu Candymans Fluch (1992) ist dem Vorgängerfilm in vielem ähnlich, geht aber eigene Wege, um den Mythos vom Hakenhandkiller weiterzuentwickeln.

Rezension (mit Spoilern)

In New Orleans grassiert eine Mordserie und die urbane Legende von einem hakenhändigen Mörder – Candyman – ist in aller Munde. Wer seinen Namen fünfmal vor dem Spiegel sagt, wird von ihm getötet, so die Legende. Nach dem Mord an dem Autor Philip Purcell (Micheal Culkin) gerät Ethan Tarrant (William O'Leary) unter Mordverdacht und wird festgenommen. Seine Schwester Annie (Kelly Rowan), die erfährt, dass Ethan sich in Polizeigewahrsam befindet, will ihn zur Rede stellen. Doch ihr Bruder beharrt darauf, Purcells Mörder zu sein. Annie kann das nicht glauben und findet heraus, dass sich Purcells letztes Buch um die Widerlegung der Candyman-Legende dreht. Sie wittert einen Zusammenhang und beginnt die Hintergründe der urbanen Legende zu recherchieren. Als die junge Lehrerin auch von ihren Schüler*innen mit der Legende konfrontiert wird, spricht sie die Beschwörungsformel schließlich selbst aus, um zu beweisen, dass der Hakenhandkiller nicht existiert. Doch sie hat sich geirrt.

candyman2 7Candyman: Farewell to the Flesh ist die direkte Fortsetzung des Horrorkultklassikers von 1992, Candymans Fluch[i] (OT: Candyman), der auf der Kurzgeschichte The Forbidden (1985) von Clive Barker basiert. Anders als der Vorgängerfilm ist Farewell to the Flesh keine Mischung aus Psycho-Thriller und Slasher, sondern eher ein Mix aus Mystery und Slasher, der in weiten Teil investigativ ist. Auch hier stellt der Hakenhandkiller einer weißen blonden Frau nach und tötet alle, die ihm den Weg zu ihr versperren oder fünfmal seinen Namen vor einem Spiegel aussprechen. Die Vorzeichen sind allerdings andere. Durch die persönliche Involviertheit der Hauptfigur Annie wird von Anfang an ein Spannungsgefühl wie in einem Thriller aufgebaut. Aber diese Spannung bezieht sich eher auf das Mysteriöse, das es zu entdecken gilt, und weniger wie im ersten Teil auf das Psychische, das durch den erlebten Schrecken in Mitleidenschaft gezogen wird. Ihre Recherchen zum Candyman-Mythos konfrontierten Annie mit einem dunklen Geheimnis in der Vergangenheit ihrer Familie, deren Wohlstand sich, historisch betrachtet, auf der Versklavung schwarzer Menschen gründet.

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candyman2 3Die Inszenierung von Farewell to the Flesh spielt anfangs stark mit der Erwartung. Wann tritt der Candyman endlich in Erscheinung? Diese Gespanntheit wird in Jumpscares kanalisiert, was die ersten zwei Male noch gelingt, dann aber durch stumpfsinnige Regelmäßigkeit albern und oft auch unpassend wirkt. Die Verlagerung des Szenarios von Chicago nach New Orleans, wo die Ursprünge des Hakenhandmörders situiert werden, bringt den beklemmenden Charme verfallener Herrenhäuser und das Flair des French Quarter mit in die Geschichte. Thematisch passend findet gerade der Mardi Gras statt. Dieser exzessive Karneval, für den New Orleans bekannt ist, gibt dem Filmgeschehen bisweilen eine andersweltliche, traumartige Stimmung.

Neuinszenierung und Weiterentwicklung des Mythos

candyman2 3Geht es in Candymans Fluch noch um die Entdeckung des Candyman-Mythos, wird er in Farewell to the Flesh schon während der Exposition unter Rückbezügen zum ersten Teil und dessen Ausgang erzählt. Von da an konkretisiert der Film den Entstehungsmythos des Hakenhandkillers und rundet ihn ab. Demnach geht der Candyman-Mythos auf einen schwarzen Mann namens Daniel Robitaille (Tony Todd) zurück, der als Maler arbeitete und sich in die Tochter seines weißen Auftraggebers verliebte. Der Vater ließ Robitaille daraufhin öffentlich foltern, verstümmeln und ermorden. Der dämonische Hakenhandkiller ist also Robitailles Geist, der durch diese Untat verflucht wurde. Warum er allerdings Candyman genannt wird, warum man seinen Namen fünfmal vor einem Spiegel aussprechen muss, um ihn zu beschwören, warum man ihm die Hand abgesägt und durch einen Haken ersetzt hat, all dies war in Candymans Fluch noch unklar und findet jetzt Berücksichtigung. Durch die Fokussierung des Entstehungsmythos und eine entsprechende Inszenierung wird das Schicksal des Candyman emotional leichter nachvollziehbar als im ersten Teil. Sein Leiden wird in Rückblenden erlebbar und verbleibt nicht wie im Vorgänger eine schmale Hintergrundgeschichte. Dadurch wird der Candyman als Mensch fassbarer.

candyman2 5In Candymans Fluch bestehen zudem noch Widersprüche zwischen dem Entstehungsmythos, der in der Kurzgeschichte The Forbidden nicht vorkommt, sowie der Funktion, die dem Hakenhandkiller in der Literaturvorlage zukommt und die ebenfalls Teil von Candymans Fluch ist (mehr dazu in der Besprechung von Candymans Fluch). Das ist in Farewell to the Flesh anders. Der Candyman ist nach wie vor eine Großstadtlegende, aber dass er wie in der literarischen Vorlage eine Art Dämon ist, der überhaupt erst aus der kollektiven Erzählpraxis entsteht, ist nicht mehr relevant (mehr zur angesprochenen Funktion in der Besprechung zu The Forbidden). Der Hakenhandkiller ist jetzt zu einem Familienfluch geworden, der die Nachfahren seiner Mörder und Folterer heimsucht, zudem ein Fluch, der gebrochen werden kann.

candyman2 6Zugleich wird erklärt, warum der Hakenhandkiller als verfluchter Geist seinen Zorn gegen alle richtet, die ihn beschwören. Man könnte ja meinen, sein Zorn müsste sich gegen Rassisten richten. In einer Szene fragt Annie Tarrant einen ihrer Schüler, Matthew (Joshua Gibran Mayweather), warum der Candyman in seinen Zeichnungen immer so grimmig aussehe. Er antwortet: „Because he’s been hurt.“ – Darauf Annie: „Who hurt him, Matthew?“ – Und er: „Everyone.“ Berücksichtigt man, was der Film zeigt, ist Matthews Antwort strenggenommen nicht korrekt. Nicht alle haben dem Candyman geschadet, sondern weiße Rassist*innen. Daher verschleiert Matthews generalisierende Antwort den anti-schwarzen Rassismus, der in der Vergangenheit von weißen Menschen ausgegangen ist und noch heute ausgeht. Die Aktualität dieser Problematik ist wiederum kaum Teil der Geschichte, weniger sogar als in Candymans Fluch. Dennoch will Farewell to the Flesh wie auch Candymans Fluch im Nebenher eines gruseligen Entertainments Kritik an anti-schwarzem Rassismus üben, kann sich aber nicht von einer weißen Perspektive lösen. Schwarze Figuren sind beispielsweise nach wie vor Nebenfiguren, zwar oft solche mit wichtigen Einsichten für den Fortgang der Handlung, aber dennoch Nebenfiguren. Diese Form der Inszenierung bricht erst der aktuelle Candyman von Regisseurin Nia DaCosta auf (mehr dazu in der Besprechung zu Candyman (2021)).

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Fazit: Nicht ganz dasselbe nochmal

Mystery meets Slasher, so könnte man Candyman: Farewell to the Flesh in aller Kürze beschreiben. Der Film ist keine bloße Wiederholung von Candymans Fluch. Seine Handlung entwickelt den Candyman-Mythos weiter, glättet Unstimmigkeiten und löst sich auf diese Weise von der literarischen Vorlage, die für den Vorgängerfilm noch wichtig war. Diese Loslösung gibt Raum für die Hintergrundgeschichte des Hakenhandkillers, die ausführlicher und emotional wirksamer dargestellt wird. Die Handlung fühlt sich runder an, aber auch weniger intensiv als im ersten Teil. Man kann die Richtung, die der Film einschlägt, ablehnen, aber alles in allem ist Candyman: Farewell to the Flesh dennoch eine gelungene Fortsetzung.

 

Endnoten

 [i] Damit sich die Verfilmung von 1992 (Candyman) sprachlich leichter von der 2021er Adaption des Erzählstoffes (ebenfalls Candyman) unterscheiden lässt, verwende ich in dem Themenspezial, zu dem auch diese Rezension gehört, den deutschen Titel Candymans Fluch. Aus Gründen der Einheitlichkeit tue ich das auch in dieser Rezension, für die das Benennungsproblem nicht so relevant ist.

 

Dieser Text ist Teil des Candyman-Themenspezials:

candyman spezial 8Nachbesprechung zu „Candyman“

Anlässlich der meisterhaften Neuadaption des Horrorkultklassikers Candymans Fluch (1992) besprechen wir Neuauflage, Originalfilm und die literarische Vorlage.

 

 

Infokasten

„Candyman: Farewell to the Flesh“ (Dt. Titel: Candyman 2 – Die Blutrache)

Regie: Bill Condon

Drehbuch: Rand Ravich, Mark Kruger

Laufzeit: 95 Minuten

Produzent: PolyGram Filmed Entertainment, Propaganda Films

Verleih: Koch Films (2021, Blu-ray), VCL Video (1996, VHS)

USA | 1995

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Letzte Änderung amSamstag, 16 Oktober 2021 08:16
André Vollmer

Schriftsteller. Forscher. Phantast. Am Meer geboren. Gründer von Mellowdramatix.

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Dann, wenn es tagt, entweichen sie, jedes nach seiner Seite: Hexen, Kobolde, Visionen, phantastische Bilder. Nur gut, daß sich dieses Volk nur nachts und im Dunkel zeigt. Niemand konnte herausfinden, wo es sich tagsüber einschließt und verbirgt.

– Francisco de Goya über eine phantastische Radierung aus seiner Bilderreihe Los Caprichos.

(Dazu passt das 43. Blatt der Caprichos).

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